13. März 2020

Am 13. März 2020 wurde der erste COVID-Kranke auf meiner Station aufgenommen. Drei Tage später ging Österreich in den Lockdown. Ein Blick zurück.

13. März 2020
Photo by Edwin Hooper / Unsplash

Heute vor genau sechs Jahren, am 13. März 2020, traf auf der von mir geleiteten Bettenstation der erste COVID-Kranke ein. Zwei Tage zuvor hatte die WHO COVID-19 von der Epidemie zur Pandemie hochgestuft. Drei Tage später, am 16.03.2020, wurde in Österreich der erste Lockdown ausgerufen. Die Bilder des Kurzvideos „empty vienna“ erscheinen heute wie aus einer anderen Welt:

Wir waren die zweite Abteilung in Wien nach der Infektiologie in der Klinik Favoriten, die eine COVID-Station bekam. Das bot sich an, weil meine Station erst wenige Jahre zuvor in einen komplett neu renovierten Pavillon meiner Klinik umgesiedelt war und fast ausschließlich aus Ein- und Zweibettzimmern besteht. Diese Zimmer besaßen zudem jeweils durch einen als Infektionsschleuse verwendbaren Vorraum und waren also recht gut dafür geeignet, Menschen mit diesem für uns völlig neuen Virus in größtmöglicher Isolation zu behandeln.

Wobei „behandeln“ ein Euphemismus ist. Viel mehr als Sauerstoff, Fiebersenkung, Zuspruch und das rechtzeitige Erkennen der Intensivpflicht konnten wir anfangs nicht bieten. Die ersten Patienten erhielten zudem Hydroxychloroquin, weil es vage Hinweise aus Laborversuchen gab, dass dieses eigentlich zur Behandlung der Malaria und einiger Autoimmunerkrankungen verwendete Medikament auch gegen dieses SARS-CoV-2 wirken würde. Das stellte sich später als falsch heraus, weshalb die Verwendung bald gestoppt wurde. Das beeindruckte manche Verharmloser nicht. Sie verwendeten Hydroxychloroquin wie später auch das Wurmmittel Ivermectin.

Gefragt wurde niemand von uns, ob wir überhaupt bereit wären, in einer Zeit, als das öffentliche Leben durch Panik und Lockdowns zum Stillstand kam, uns dem Virus beruflich auszusetzen. Trotzdem erschienen alle weiterhin zum Dienst. Vom medizinischen Personal und der Pflege bis zur Reinigungsbrigade machten alle einfach weiter, nur eben unter völlig anderen Bedingungen als zuvor. Der Weg ins Spital führte durch menschenleere Straßen, den Nachweis der „systemerhaltenden Tätigkeit“ in der Tasche. Im Spital herrschte eine eigenartige Betriebsamkeit. Wir grüßten uns in unserer sarkastisch „Astronautenmontur“ genannten Schutzkleidung, die Masken hinterließen tiefe Spuren im Gesicht und vor allem auf der Nase.

Die Arbeit mit der Krankheit, die die ganze Welt in Atem hielt, und meine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema (damals noch auf Twitter) brachten mir meine 15 Minuten Semiprominenz inklusive eines Auftritts im ORF mit zwei Coronaleugnern als Gegenparts. Letzteres erfuhr ich aber erst, als ich am Drehort erschien.

Weit angenehmer waren Medienauftritte wie im November 2020 bei Rudi Fussi und Natascha Strobl:

Und wenn ich schon dabei bin, möchte ich auch wieder auf das Buch „Die verdrängte Pandemie“ verweisen, für das ich einen Artikel beisteuern durfte:

Die verdrängte Pandemie
Ein neu erschienenes Buch gegen den Pandemierevisionismus. Ich durfte ein Kapitel schreiben.

Lauter Einzelschicksale

Wie jedes Mal, wenn ich an die Hochphase der Pandemie zurückdenke, denke ich an die vielen Kranken, die wir im Spital behandelt haben. Viele von ihnen überstanden die Infektion ohne Probleme. Aber sehr viele starben oder litten und leiden an den Folgen der Krankheiten. An sie erinnerte ich mich bereits am dritten Jahrestag im Vorläufer dieses Blogs auf Substack:

#YesWeCare - Erinnerung an einige COVID-Patient:innen der letzten 3 Jahre
Substack-Artikel vom 13.03.2023: Ein emotionaler Rückblick Am 13.März 2020 wurde die erste Patientin mit COVID-19 auf meiner Station aufgenommen, als zweite Abteilung in Wien nach der Infektiologie der Klinik Favoriten. Ein paar Tage später war auch unsere Intensivstation mit im Spiel. Meine Station war über den Winter

Hinter den auch in diesem Blog immer wieder veröffentlichten Zahlen verbergen sich Menschen, individuelle Schicksale. An ein paar von ihnen habe ich im Blog vor drei Jahren gedacht, und ich tue es jetzt wieder:


Der 55-jährige Arbeiter, der im März 2020 als einer der Ersten auf unsere Intensivstation kam. Direkt von der Baustelle, mit Fieber und Atemnot. Typ serbischer Bär, ein Leben am Bau. Er musste rasch intubiert werden, eine Woche später war der Bär tot. #YesWeCare


Die 65-Jährige, die zwei Wochen intubiert auf der Intensiv lag. Als sich die Lunge wieder besserte, die Beatmung und damit auch die Medikamente reduziert werden konnten, wachte sie nicht auf. Die Computertomografie des Kopfes zeigte, dass ihr Gehirn mit zahlreichen kleinen Insultarealen durchsetzt war. Sie wachte nie mehr auf. #YesWeCare


Der 35-jährige Pfleger meiner Station, der sich im Dienst ansteckte, auf unserer internistischen Intensiv von einem Anästhesisten intubiert, weil es aus emotionalen Gründen keiner von uns selber tun wollte. Nie vorher oder nachher erlebte ich die ICU so leise wie an jenem Abend, das Personal hörte zu reden auf. Am nächsten Morgen rief die Oberärztin der Intensiv im AKH an. „Wir haben einen unserer Pfleger mit COVID intubiert bei uns.“ Bevor sie einen weiteren Satz sagen konnte, kam die Antwort: „Schickt ihn uns.“ Er verbrachte 3 Wochen auf der ICU, danach hatte er Rehab. Einige Monate kam er zurück zu uns, als ob nie etwas gewesen wäre. #YesWeCare


Der 72-jährige Pensionist und begeisterte Bergwanderer, der als „Genesener“ nach einem Monate auf der Intensiv wochenlang bei uns blieb, weil kein Rehab-Platz mehr zu kriegen war. Einer der ältesten, der in der Zeit vor den Impfungen unsere Intensiv lebend verlassen hatte. Er lernte auf der Normalstation wieder atmen, schlucken, gehen. „Die Coronademonstranten sollen mich anschauen, wie ich beieinander bin. Dann verstehen sie es vielleicht, was COVID ist.“ #YesWeCare


COVID-Lunge, wie sie uns vor allem in den ersten eineinhalb Jahren der Pandemie vor den Impfungen begleitete.

Die 106-Jährige, die ihr Kind (81) weiterhin wöchentlich treffen wollte. Bissl Husten, sonst nichts. Sie überlebte die spanische Grippe („Aber da war ich ja fast noch ein Baby“) und COVID - mit geringen Symptomen. #YesWeCare


Der 65-Jährige, der mit einer Sauerstoffsättigung von 50% immer noch stand. Extremes Beispiel der sogenannten „happy hypoxemia“. Vor allem aber die Verzweiflung des Sanitäters, der in der dritten COVID-Welle versuchte, für ihn ein Bett mitten in der zusammenbrechenden Versorgung zu bekommen.

#YesWeCare


Mitte 70, angesteckt auf der Chirurgie kurz vor der Entlassung nach einem Routineeingriff. Als sie sich verschlechterte, warf ihre Tochter uns vor, wir würden die Mutter absichtlich sterben lassen, um die „COVID-Statistiken schlechter zu machen“. #YesWeCare


Der 80-Jährige mit Myasthenia gravis und COVID-Pneumonie. Die diensthabende Oberärztin der Notfall holte mich, um eine Übernahme auf die ICU zu besprechen. Der 80-Jährige schaute mich lächelnd und schnaufend an, ich lehnte die Übernahme ab, die Kollegin weinte. Ich: „Du weißt doch, er hat keine Chance.“ Sie: „Ja, natürlich, aber ich pack's trotzdem nicht.“ #YesWeCare


87-Jährige aus dem Pensionistenheim. Ließ es sich nicht nehmen, weiterhin jeden Mittwoch mit ihren 3 Freundinnen Karten zu spielen. Dann hing am Zimmer einer Freundin: „Betreten verboten“. 2 Tage später durfte sie selbst ihr Zimmer nicht verlassen. Sie verstand nicht, warum. Kurz danach kam sie ins Spital, verschlechterte sich rasch. Sie starb 2 Wochen nach der Ansteckung. #YesWeCare


Die 45-jährige Freundin und Unilektorin. Sie steckte sich schon im Jänner 2020 mit einem eigenartigen Virus an, als sie mit einer verkühlten italienischen Studentin ein langes Gespräch auf der Uni hatte. ICU, ECMO, Lungentransplant stand im Raum. COVID war was in China, PCR gab's noch nicht. Ihr Sohn war gerade in der ersten Klasse Volksschule. Er meinte, seine Mama dürfe erst sterben, wenn er 18 sei, denn dann sei er groß. Inzwischen schläft er in der Nacht wieder. #YesWeCare


Und die vielen anderen, die sich vor der Intubation von den Angehörigen via Videotelefonat auf dem iPad, das ein Kollege der Abteilung dafür geschenkt hat, von den Angehörigen verabschiedeten. Viele für immer. #YesWeCare


Die Folgen der Pandemie - Long Covid

Auch sechs Jahre nach dem Beginn der Pandemie sterben Menschen an COVID-19, noch immer kommen sie durch die Krankheit zu Schaden. Auch 2026 erkranken Menschen nach der - oft per se harmlos verlaufenden - Infektion an Folgekrankheiten. Manche erholen sich jahrelang nicht. Für manche ist das Leben nach der Infektion nie mehr wie zuvor.

Long Covid und ME/CFS sind regelmäßig Themen in diesem Blog. Fast immer aus einer medizinischen, naturwissenschaftlichen Sicht. Diese lassen aber nur unzureichend erfassen, was diese Krankheiten wirklich bedeuten können. In einer Folge des Podcasts Dunkelkammer war Regina Leimüller zu Gast. Sie erzählte davon, wie es ihrer Schwester Elke geht, die durch COVID-19 buchstäblich aus ihrem Leben gerissen wurde. Konterkariert vom fröhlichen Singsang des Salzburger Dialekts schildert sie das Leiden einer jungen Frau, die sich wünscht, nicht vergessen zu werden.

Eine Hörempfehlung!

Link zur Webseite des Podcasts: #297 ME/CFS: „Ich bin jeden Tag bei meiner Schwester und habe sie seit einem Jahr nicht mehr gesehen"