Die Rückkehr der Masern
In Österreich, weil die Impfprogramme nicht mehr funktionieren. In den USA, weil es die Verantwortlichen so wünschen.
- Österreich gehört zu sechs Ländern Europas, die den Eliminierungsstatus der Masern verloren haben.
- Das ist ein Zeichen für zunehmende Probleme, selbst bei seit Jahrzehnten etablierten Impfungen.
- In den USA gab der neue Leiter der nationalen Impfkommission ein Interview, in dem er von individueller Freiheit sprach, dann aber ein Gesellschaftsbild preisgab, in dem auf Schwache und Kranke keine Rücksicht genommen wird.
In den vergangenen Tagen erreichten uns zwei Meldungen zu den Masern, die uns aufhorchen lassen sollten. Die eine Meldung kommt vom Europabüro der WHO. Sechs Länder - unter ihnen auch Österreich - haben den Eliminationsstatus der Masern verloren. Die andere Meldung kommt aus den USA, die derzeit an atemberaubenden Meldungen reich sind, und betrifft den neuen Chef des nationalen Expertenrates zu den Impfungen.
Die Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit
Die Masern sind eine der gefährlichsten Virusinfektionen überhaupt, was die Zahl der jährlichen weltweiten Opfer betrifft. Ein Großteil der Opfer sind Kleinkinder und Säuglinge. In den vermögenderen Industrieländern stirbt immerhin ungefähr eine von tausend erkrankten Personen, in Weltgegenden mit viel Mangel- und Unterernährung sterben bis zu 10% der Betroffenen.
Wer mehr über diese Krankheit und ihre Auswirkungen lesen möchte, wird zum Beispiel in zwei früheren Artikeln dieses Blogs fündig:


Um ein Bild dafür zu bekommen, was die Masern bedeuten können, möchte ich an dieser Stelle lediglich einen kurzen Text von Roald Dahl zitieren, den er über seine Tochter Olivia schrieb, die 1962 an den Masern erkrankte:
"Fühlst du dich nicht gut?" fragte ich sie.
"Ich fühle mich ganz schläfrig", sagte sie.
Nach einer Stunde war sie bewusstlos. Nach zwölf Stunden war sie tot.
Olivia starb wie so viele andere Kinder wenige Jahre vor dem Beginn des Masernimpfprogramms. Roald Dahl blieb bis zum Ende seines Lebens ein kompromissloser Verfechter der Impfungen.
Der Verlust des Eliminationsstatus
Das Europabüro der WHO verkündete, dass aufgrund der registrierten Masernfälle des Jahres 2024 sechs Staaten der Europaregion ihren Status der Eliminierung der Masern verloren haben. Österreich ist einer der sechs Staaten und findet sich in der Gesellschaft von Großbritannien, Spanien, Armenien, Aserbaidschan und Usbekistan. Schon länger wieder endemisch oder nie eliminiert sind die Masern zusätzlich in einigen Ländern des Balkans, in Polen, der Ukraine, Russland und der Türkei.
Auf der anderen Seite des Atlantiks hat Kanada den Eliminationsstatus bereits voriges Jahr verloren. Im Falle der USA wird angesichts des großen, anhaltenden Ausbruchs 2025 die Zahl der Maserntoten in einer Reihe von US-Staatenin gleich mehreren Bundesstaaten davon ausgegangen, dass es dieses Jahr so weit wäre, wenn die USA nicht aus der WHO ausgetreten wären. Ebenso wird es vermutlich weiteren europäischen Ländern wie Frankreich, Italien und vielleicht auch Deutschland ergehen, wenn man sich die Zahlen für 2025 bei der ECDC anschaut.
Der Verlust des Eliminationsstatus kommt für Österreich jedenfalls nicht überraschend. Laut der u.a. für die Überwachung ansteckender Krankheiten zuständigen Bundesbehörde AGES gab es 2024 insgesamt 542 gemeldete Masernfälle. Fast ein Viertel der Betroffenen musste stationär behandelt werden, vier von ihnen landeten auf einer Intensivstation. 2025 traten immerhin 152 nachgewiesene Fälle auf, auch von ihnen wurde ein Viertel hospitalisiert.

Unmittelbare Konsequenzen hat der Verlust des Eliminationsstatus nicht. Er ist allerdings ein klarer Hinweis, dass es in einem Land ganz allgemein ein Problem mit den Impfungen gibt (mehr dazu bei der globalen Impfallianz Gavi: "What does it mean to lose ‘measles-free’ status and can countries get it back?").
Und ja, in Österreich haben wir tatsächlich ein Problem mit den Impfungen, selbst bei schon lange etablierten Impfungen wie der gegen die Masern. Laut der Gesundheitsstaatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ) liegt die Durchimpfungsrate gerade noch bei 71%. Allgemein wird davon ausgegangen, dass 95% notwendig wären, um Ausbrüche effektiv zu verhindern. Laut Königsberger-Ludwig werde die Bundesregierung „über eine Impfkampagne nachdenken“ - was auch immer das heißen mag.
Was die Masernimpfung uns gebracht hat
Die Impfung gegen die Masern gibt es seit Ende der 1960er Jahre. Es dauerte aber bis in die 1990er Jahre, dass sie in den am schlimmsten betroffenen Ländern Asiens und vor allem auch Afrikas breit eingesetzt wurde. Aber noch immer sterben jährlich über 50.000 Menschen - großteils Kinder - an den Masern, die damit noch immer die durch Impfungen verhinderbare Erkrankung mit den meisten Todesopfern sind. Weil die Masern solch eine gefährliche Krankheit sind, die Impfung aber ausgezeichnet wirkt, handelt es sich gleichzeitig um die Krankheit mit den meisten durch die Impfung verhinderten Todesopfern, wie diese beiden Grafiken von Our World In Data eindrücklich zeigen. Von 1974 bis 2024 wurden weltweit 93,7 Millionen Todesfälle durch die Impfungen verhindert, über 92 Millionen dieser Todesfälle hätten Kinder unter 5 Jahren betroffen.


Die jährliche Zahl an Maserntoten von 1980 bis 2021 bzw. die Zahl der durch die Kinderimpfungen verhinderten Todesfälle durch verschiedene Krankheiten von 1974 bis 2024. Quelle: Our World In Data. Zugrundliegende Daten: Contribution of vaccination to improved survival and health: modelling 50 years of the Expanded Programme on Immunization
Impfgegner erklären trotz solcher Zahlen gerne, der Rückgang der Maserntodesfälle hätte gar nichts mit den Impfungen zu tun, sondern sei ausschließlich auf die bessere Ernährungslage und Vitamine zurückzuführen. Und ja – wie weiter oben schon erwähnt hat die Ernährungslage tatsächlich einen wichtigen Einfluss auf die Mortalität der Erkrankten. Aber unzählige Studien und Erhebungen aus allen Weltregionen belegen den darüber hinausgehenden Schutz durch die Impfungen.
Eindrücklicher als alle wissenschaftlichen Artikel zeigt dies wohl folgende Grafik, die ebenfalls von Our World in Data gemacht worden ist. Sie zeigt, wie sich die Zahl der Maserntoten in einer Reihe von US-Staaten in der Zeitspanne vor und nach der Einführung der Masernimpfung 1963, der Entwicklung der Masern-Mumps-Röteln-Impfung 1971 und der Einführung der de facto Impfpflicht für Kindergartenkinder 1980 entwickelte. Schwer vorstellbar, dass sich die Ernährungslage in den USA 1965 und dann 1980 drastisch und schlagartig gebessert hat.

„Mal schauen, wie viele sterben werden“
Nirgendwo sind die Impfprogramme für Kinder derzeit stärker unter Druck als in den USA. Dabei gehen RFK jr. & Co. nicht immer mit dem Vorschlaghammer vor. Ihre Taktik ist das Streuen von Zweifeln, das langsame Verschieben der öffentlichen Meinung. Im jüngsten Update der Impfempfehlungen änderte sich so noch nicht allzu viel - zumindest bei oberflächlicher Betrachtung. Bei mehreren Impfungen (u.a. auch bei den Masern) besteht weiterhin eine Empfehlung. Bei anderen wird nun eine „gemeinsame klinische Entscheidungsfindung“ empfohlen. Das klingt besser als es ist.
„Gemeinsame Entscheidungsfindung“ bedeutet nicht die Selbstverständlichkeit, dass man als Betroffener mitentscheiden kann, ob man geimpft wird oder nicht. Im medizinischen Sprachgebrauch bedeutet die gemeinsame Entscheidungsfindung, dass die Nutzen-Risiko-Abwägung nicht eindeutig ist und auf individueller Ebene mit dem Arzt / der Ärztin getroffen werden muss. Statt einer klaren Empfehlung werden so Zweifel gestreut. In ihrem sehr empfehlenswerten Blog beschreibt Kristen Panthagani das genauer und erklärt, wie problematisch die neue Formulierung ist:

Ein musterhaftes Beispiel dafür, wie scheinbar wohlwollend und menschlich die Worte der neuen Impfverantwortlichen klingen können, bot der von RFK jr. neu eingesetzte Chef der Impfkommission ACIP Kirk Milhoan, ein Kinderkardiologe ohne wissenschaftliche Expertise zu Impfungen, in einem Podcast -Interview. Bis er sich gegen Ende des Interviews dank hartnäckiger Nachfragen selbst bloßstellte. Unter anderem beim medizinischen Nachrichtenportal STAT und in einem Artikel der New York Times wurde das Interview analysiert. Man liest, wie er von persönlicher Freiheit und informierter Entscheidung spricht, bis es am Schluss doch aus ihm herausbricht, dass er dafür ein paar tote Kinder in Kauf nimmt.


Der Artikel der New York Times, ohne Bezahlschranke verfügbar über den Standard.
Hinter den vernünftigen scheinenden Worten Milhoans steht eine klare politische Agenda. Alles dreht sich um die Schimäre einer individuellen Freiheit bei Krankheiten. Solidarität, Gemeinwesen und public health sind für ihn nicht relevant:
"Was wir tun, ist, die individuelle Autonomie wieder an die erste Stelle zu setzen – nicht die öffentliche Gesundheit, sondern die individuelle Autonomie.
Er halte die Impfungen prinzipiell für sinnvoll und wolle nicht, dass sich weniger Menschen impfen ließen, sagte er zunächst. Er wolle doch nur das Beste für die Menschen und sie vor unnötigen Nebenwirkungen schützen. Und dann behauptete Milhoan, der nichts gegen Impfungen habe, dass er Daten der FDA gesehen habe, die auf „ein sehr hohes Sterberisiko bei Kindern“ durch den COVID-Impfstoff hindeuten würden. Diese Daten gab er allerdings nicht heraus. Laut früheren, von RFK jr. rausgeschmissenen Mitgliedern des Impfgremiums und der FDA gibt es sie nicht.
Außerdem behauptete Milhoan, es gäbe zunehmend Bedenken, dass eine wiederholte Stimulierung des Immunsystems durch mehrere Impfstoffe das Risiko für Allergien, Asthma und Ekzeme erhöhen könnte. Mit großen Studien konfrontiert, die diese Behauptung widerlegen, sagte Milhoan, er vertraue seinen eigenen Beobachtungen mehr als dem, was die „etablierte Wissenschaft“ über Impfstoffe vermuten lasse. Der neue Leiter des US-Expertengremiums für Impfungen gehört offenbar zur „I do my own research“-Gruppe der Wissenschaftsleugner.
Auf die Nachfrage, ob er nicht Sorgen habe, dass ungeimpfte Kinder an den Masern sterben oder durch Polio gelähmt würden, antwortete er, dass dies eben der Preis des höheren Gutes der individuellen Autonomie sei. Denn:
„Ich bin auch traurig, wenn Menschen an alkoholbedingten Krankheiten sterben.“
Die Rechte von Säuglingen, die noch zu jung für die Impfungen sind, und die Rechte von Kindern und Erwachsenen, die aufgrund eines geschwächten Immunsystems oder anderer Erkrankungen nicht geimpft werden können, sind in dieser Gedankenwelt irrelevant. Ich will gar nicht weiter darauf eingehen, was für eine Ideologie hinter einem Weltbild steckt, in dem auf die Schwachen, auf die Unnützen keine Rücksicht mehr genommen werden muss. Da ist es nur mehr ein Schritt bis zum gezielten Ausmerzen der Schwachen.
Und dann kommt der absolute Tiefpunkt des Interviews. Der Mann, der eingangs behauptet hatte, er wolle nicht, dass sich weniger Menschen impfen ließen, freut sich auf die Erkenntnisgewinne durch eine Masse an Ungeimpften:
„Wir werden eine echte Erfahrung kriegen, was passiert, wenn ungeimpfte Menschen die Masern bekommen. Wie hoch ist die neue Hospitalisierungsrate? Wie hoch ist die Sterblichkeitsrate?“
Ja, richtig gelesen. Für eine Erkenntnis, die wir längst haben, ist er bereit, Leid und Tod von Kindern, von Babys in Kauf zu nehmen. Nachdem er - fälschlich - davon ausgeht, schlechte Ernährung und mangelnde Hygiene wären verantwortlich für die Masern, kann man sich ausmalen, welche Bevölkerungsgruppen er als Hauptbetroffen erwartet. Bei seinesgleichen und ihren Kindern und Enkelkindern möchte er die Hospitalisierungs- und Sterblichkeitsrate wohl nicht beobachten.
Im Artikel der New York Times sagt Sean O’Leary, Vorsitzender des Ausschusses für Infektionskrankheiten der Amerikanischen Gesellschaft für Kinderheilkunde:
„Er hat keine Ahnung, wovon er spricht. Diese Impfstoffe schützen Kinder und retten Leben. Für uns, die wir unsere Karriere damit verbringen, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um die Gesundheit von Kindern zu verbessern, ist es sehr frustrierend zu sehen, wie Kindern aufgrund einer ideologischen Agenda, die nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert, Schaden zugefügt wird.“
Die öffentliche Gesundheit wird angegriffen. Die ersten Betroffenen werden die Schwachen und Marginalisierten sein.




