Die Grippeimpfung und die aktuelle Variante des Influenzavirus

Zwei neue Studien bringen mehr Licht in die Wirksamkeit der aktuellen Grippeimpfung.

Die Grippeimpfung und die aktuelle Variante des Influenzavirus
Unsplash liefert beim Suchbegriff Fieberthermometer beeindruckende 41,7°C. Foto von CHUTTERSNAP / Unsplash
  • Wir befinden uns mitten in einer großen Grippewelle durch die neue Subklade A(H3N2)K.
  • Zwei neue Studien zeigen eine reduzierte, aber vorhandene Wirkung des aktuellen Impfstoffs.
  • In einer Studie war der Antikörpertiter niedriger als gegen frühere Virusvarianten, stieg aber nach der Impfung deutlich an.
  • In einer französischen Studie war die Wirksamkeit der Verhinderung einer Ansteckung nur gering schlechter als in der vergangenen Grippesaison.
  • Für Ungeimpfte ist es also immer noch sinnvoll, die Impfung nachzuholen.

Wir befinden uns mitten in einer der größten Grippewellen der letzten Jahre. In den Spitälern hier in Wien ist der Andrang auf die Notfallaufnahmen seit Wochen nur schwer zu bewältigen. Das zeigt sich u.a. an der Zahl der wöchentlichen stationären Aufnahmen wegen Influenza. Im Vergleich zu den vorigen zwei Grippesaisonen setzte die Welle unüblich früh und unüblich heftig ein. In der grafischen Aufarbeitung des SARI-Dashboard ist zu sehen, dass die Spitze der Welle in Wien jene der Saison 24/25 bereits um ein Viertel und jene der Saison 23/24 um mehr als ein Drittel übertroffen hat. Die gesamtösterreichische Erhebung zeigt ein nicht ganz so dramatisches Bild, aber auch hier begann die aktuelle Welle früher und stärker als die beiden vorigen.

Wöchentliche stationäre Aufnahmen wegen Influenza in Wien seit der Kalenderwoche 36/2023 bis jetzt. Die letzten zwei Wochen (dunkelgrau) sind noch nicht vollständig erfasst. Quelle: SARI-Dashboard

Der Hauptgrund für die aktuelle Situation ist eine neue Variante des Influenza-A(H3N2)-Virus. Sie wurde schon im Februar 2025 erstmals nachgewiesen, aber erst Monate später sequenziert und zunächst J.2.4.1. Ab Juli 2025 tauchte sie vermehrt auf der Südhalbkugel in der dortigen Winterwelle auf. Zahlreiche Mutationen im Vergleich zu den vorigen Varianten führten dazu, dass sie zu einer neuen Subklade erhoben wurde, der Subklade K. A(H3N2)K war da und wurde ab September zur weltweit dominanten Variante des Influenza-A-Virus. Freunde der Virussequenzierung können die Entwicklung der Subklade K bei Nextstrain nachverfolgen. Die zahlreichen Veränderungen führten zur Vermutung, dass unser Immunsystem die neue Subklade schlechter erkennt als die Vorgängervarianten und dass die Impfungen nicht gut passen würden ("Emergence of seasonal influenza A(H3N2) variants with immune escape potential warrants enhanced molecular and epidemiological surveillance for the 2025–2026 season").

Die Impfungen gegen die Influenza benötigen eine recht lange Vorlaufzeit für die Produktion. Diese war längst im Gange, als die neue Variante ins Blickfeld geriet. Hinzu kommt, dass in den vergangenen Jahren nicht H3N2, sondern H1N1 der führende Subtyp der Influenza-A-Viren war, weswegen die Immunität gegen H3N2 in der Bevölkerung insgesamt am Abnehmen war. Die meisten Kleinkinder hatten bis jetzt überhaupt noch nie Kontakt mit H3N2 gehabt.

Etwas mehr zu diesem Thema habe ich kurz vor Beginn der Grippewelle hier zusammengefasst:

Die Grippewelle beginnt unüblich früh
Und sie könnte besonders groß werden. Die neue Variante A(H3N2)K dürfte dafür verantwortlich sein.

In UK und Kanada, wo die Grippe noch früher als bei uns startete, wurde dies auch durch eine abnehmende Impfquote erklärt. Dies dürfte bei uns kein Faktor sein. Wohl auch durch die Berichterstattung der letzten Wochen ließen sich hierzulande sogar mehr Menschen gegen Influenza impfen als in den letzten beiden Jahren. Laut dem Impfdaten-Dashboard waren es in Wien bis zum Jahreswechsel fast 300.000 im Vergleich zu 220.000 im Jahr 2023 und 260.000 im Jahr 2024. Möglicherweise ist die Impfquote bei uns von vornherein so niedrig, dass das bisschen auf und ab nicht ins Gewicht fällt.

Immer wieder liest man auch davon, die Zunahme der Grippefälle wäre durch eine Schädigung des Immunsystems nach COVID-Erkrankungen zu erklären. Soweit ich das übersehe, hat diese Hypothese in den sozialen Medien deutlich mehr Anhänger als in der immunologischen Fachwelt. Zwar gibt es tatsächlich eine Reihe immunologischer Studien, die eine Veränderung von Immunzellen zeigen, aber für eine über mehr als einige Wochen anhaltende, klinisch relevante Schwächung der Immunabwehr gibt es kaum Hinweise. Das zeigt sich u.a. daran, dass es bisher zu keiner generellen Zunahme von Infekten wie z.B. RSV, Pneumokokken oder Tuberkulose gekommen ist. (Ausnahme: Bei einem Teil von Long Covid-Kranken ist das Immunsystem wirklich nachhaltig geschädigt.)


Der Impfschutz gegen A(H3N2)K

Als Labordaten der ersten virologischen Untersuchungen von A(H3N2)K eine verminderte Wirksamkeit der aktuellen Impfstoffe nahelegten, stellte sich natürlich die Frage, ob die aktuellen Impfungen überhaupt Sinn ergeben.

Die Wirksamkeit des aktuellen Impfstoffes wurde in einer ganz aktuellen Studie labordiagnostisch genauer untersucht („Antibodies elicited by the 2025-2026 influenza vaccine in humans“, allerdings erst als Preprint vorliegend). In den Serumproben von 76 Probanden wurden die Antikörpertiter vor sowie einen Monat nach der Impfung bestimmt. 39% der Probanden hatten einen wirksamen Antikörpertiter gegen eine frühere Subklade von H3N2, aber nur 11% gegen die neue Subklade K. Nach der Impfung hatten 71% einen wirksamen Titer gegen die frühere Subklade im Vergleich zu 39% gegen A(H3N2)K.

Hier wurde also im Labor gezeigt, dass unsere Immunabwehr zwar wie vermutet schlechter mit A(H3N2)K zurechtkommt, aber nicht so schlecht wie befürchtet. Und: Der durch die aktuellen Impfstoffe erreichte Schutz ist schlechter als gegen die Vorgängervarianten, dennoch erreichten recht viele Probanden durch die Impfung einen ausreichenden Schutz.

Diese Labordaten entsprechen ersten klinischen Daten von November 2025 in UK, laut denen die Impfungen immerhin eine 30- bis 40-prozentige Wirksamkeit zur Verhinderung von stationären zusammengefasstAufnahmen bei Erwachsenen haben („Early influenza virus characterisation and vaccine effectiveness in England in autumn 2025, a period dominated by influenza A(H3N2) subclade K“).

Nun erschien eine Studie aus Frankreich, bei der die Impfwirksamkeit bei einer weit größeren Zahl an Personen und über einen längeren Zeitraum erhob („Interim vaccine effectiveness against influenza virus among outpatients, France, October 2025 to January 2026“). Bei fast 25.000 Personen aus ganz Frankreich erfolgten PCR-Tests auf respiratorische Virusinfektionen. 22,5% von ihnen wurden positiv auf Influenza getestet. Anhand des Impfstatus dieser Personen errechneten die Forschenden eine Wirksamkeit von 36,4% gegen eine Grippeerkrankung (nicht gegen eine stationäre Aufnahme wie in der britischen Studie!). Wie üblich war die Wirksamkeit bei jüngeren Personen besser als bei den älteren. Die Ergebnisse waren tendenziell gering schlechter als in der Saison 2024/25, der Unterschied war aber nicht statistisch signifikant.

Zusammenfassung der Impfwirksamkeit (VE) gegen eine Ansteckung.

Ganz vergleichbar sind die Daten der beiden Jahre allerdings nicht, denn die Daten für 2024/25 umfassen die ganze Saison, also auch die Spätphase mit bereits abnehmendem Impfschutz. Außerdem weisen die Forschenden darauf hin, dass zu Beginn der Grippesaison in Frankreich - anders als in UK - noch H1N1 dominierte, während H3N2 im weiteren Verlauf dominant wurde. Es ist also möglich, dass die erhobene Wirksamkeit etwas besser erscheint, als es jene gegen H3N2 alleine wäre.


Die Studie im Kontext

Bei all ihren Limitationen bestätigen die vorläufigen Ergebnisse der französischen Studie, dass der aktuelle Grippeimpfstoff trotz des teilweisen Missmatchs mit der neuen, aktuell dominierenden Subklade K eine ausreichende Wirksamkeit hat. Wenn überhaupt, scheint sie offenbar nur gering schlechter zu sein als gegen die Influenzaviren der vorigen Saison. Abgesehen davon schützen die Impfstoffe gut gegen die aktuelle H1N1-Variante (derzeit immerhin rund 20% aller Grippefälle) sowie gegen die Influenza B-Viren, die üblicherweise gegen Ende der Grippewellen dominant werden.

Ob die Spitze der Welle bereits erreicht ist, wird sich bald erweisen. Allerdings zeigte sich im australischen Winter, dass die Grippewelle nicht nur hoch war, sondern auch unüblich lange dauerte. Für alle, die - aus welchen Gründen auch immer - noch nicht geimpft sind, ist es also durchaus sinnvoll, dies noch nachzuholen.