Ist COVID-19 inzwischen "so harmlos" wie die Grippe?

Die Influenza führt zu vielen stationären Aufnahmen und Todesfällen, COVID-19 zu noch mehr.

Ist COVID-19 inzwischen "so harmlos" wie die Grippe?
  • Die Influenza ist keine harmlose Erkrankung, COVID-19 schon gar nicht.
  • Eine große dänische Studie vergleicht die Zahl der stationären Aufnahmen und die Todesfälle beider Infektionskrankheiten in der Zeit der Omikron-Varianten.
  • Fast dreimal so viele Personen wurden wegen COVID-19 aufgenommen, die über 65-Jährigen hatten ein fünffaches Risiko.
  • Wegen COVID-19 stationär aufgenommene Personen hatten ein um ein Viertel höheres Risiko, innerhalb von 30 Tagen nach der Aufnahme zu sterben.
  • Bei Impfung innerhalb der letzten 180 Tage war das Sterberisiko nach COVID-19 im Vergleich zur Influenza nicht signifikant erhöht.

"COVID ist nur wie eine Grippe"

Bereits in der allerersten COVID-19-Welle im Frühling 2020 tauchten die ersten Stimmen auf, die COVID-19 versuchten zu verharmlosen, in dem sie es als "nur wie eine Grippe" bezeichneten. Diesen Vergleich fand ich problematisch, weil sie keiner der beiden Infektionen gerecht wird:

Die Influenza ist definitiv keine harmlose Erkrankung. Alleine in Österreich sterben laut der statistischen Erhebungen der AGES jährlich bis zu 5000 Menschen an der Grippe, in Deutschland schreibt das RKI von "mehreren hundert [Todesfällen pro Grippewelle] bis über 25.000 in der Saison 2017/18".

Zahlen für Österreich. Quelle: AGES

Auch Kinder sind davon betroffen. In den USA starben laut CDC in den letzten beiden Grippesaisonen jeweils 200 Kinder an der harmlosen Grippe. Dabei ist die Durchimpfung von Kindern in den USA deutlich höher als in Österreich - trotz eindeutiger Impfempfehlung des Nationalen Impfgremiums. Die deutsche STIKO empfiehlt die Grippeimpfung bei Kindern erst gar nicht. Weder für Österreich noch für Deutschland habe ich Zahlen zu Grippetodesfällen bei Kindern gefunden.

Viel größer ist natürlich die Zahl der Personen, die wegen der Grippe im Spital landen und erst recht die der Krankenstände. Fast jedes Jahr wird es in den Spitälern rund um die Spitze der Grippewelle eng in den Spitälern. Und jedes Jahr landen einzelne Kranke mit einer schweren Influenzapneumonie auf unserer Intensiv.

COVID-19 stellte aber all das noch in den Schatten. Wir waren - vor allem in den ersten Jahren der Pandemie - mit einer noch nie erlebten Masse an schwer kranken Menschen konfrontiert, die Spitäler kollabierten nur aufgrund massiver gesundheitspolitischer Maßnahmen nicht komplett. Am augenfälligsten war das bei den Intensivstationen:

Die Überlastung der Intensivstationen in der Hochphase der Pandemie
Warum Streecks Behauptung, die Intensivstationen wären in der Pandemie nie unter Druck gestanden, falsch ist.

Die falsche Gleichsetzung von COVID-19 mit der Influenza schaffte es also tatsächlich, sowohl COVID-19 als auch die Grippe zu verharmlosen.

COVID-19 ist, was die Schwere der Akuterkrankung betrifft, inzwischen tatsächlich nicht mehr mit dem vergleichbar, was wir in den ersten zwei Jahren erlebt haben. Auch viele aus meiner Kollegenschaft im Spital vergleichen die beiden Krankheiten nun. Die Symptome unterscheiden sich nicht allzu sehr, es erwischt vor allem die Alten, die Vorerkrankten so schwer, dass sie im Spital landen. Der Eindruck, dass COVID-19 nur mehr wie eine Grippe sei, erscheint jetzt doch einigermaßen gerechtfertigt. Aber ist der Eindruck auch korrekt? Das wurde in einer aktuellen dänischen Studie untersucht.


Der Vergleich: Influenza und COVID-19 in Zeiten von Omikron

Link zum Artikel

Die Studie wurde vor wenigen Tagen in einer zu The Lancet gehörenden Fachzeitschrift veröffentlicht. Dabei wurden sämtliche stationären Aufnahmen in den dänischen Spitälern wegen Influenza oder wegen COVID-19 erhoben. Und zwar in einem Zeitraum von Mai 2022 bis Juni 2024 - also erst nach der ersten großen Omikron-Welle um den Jahreswechsel 2021/2022. Der Fokus lag also auf der Zeit der "neuen Normalität", als COVID-19 bereits einiges von seinem anfänglichen Schrecken verloren hatte und oft sogar als "harmlos" bezeichnet wurde.

Insgesamt wurden in diesem Zeitraum 24.400 Personen wegen COVID-19 aufgenommen, 8.385 Personen wegen Influenza. In Dänemark ist es - so wie auch bei uns - Standard, bei zu einer der beiden Krankheiten passenden Symptomen mittels PCR auf beide Viren zu testen (zumindest in der Grippesaison). Der Unterschied ist also nicht dadurch zu erklären, dass einfach viel mehr auf SARS-CoV-2 getestet worden wäre. Schon alleine diese Zahlen zeigen einen beträchtlichen Unterschied zwischen den beiden Krankheiten. Die Influenza führte zu vielen stationären Aufnahmen, COVID-19 aber zu fast dreimal so vielen. Selbst wenn beide exakt gleich gefährlich wären, müssten wir mit einer viel höheren Zahl an Todesopfern durch COVID-19 rechnen.

Denn die Influenza ist eine saisonale Infektionskrankheit, mit der man sich maximal einmal pro Jahr anstecken kann, in den meisten Fällen viel seltener. COVID-19 ist dagegen nicht saisonal, egal was auch immer in Zeitungsartikeln geschrieben wird. (Zitat Michael Osterholm: "COVID ist only seasonal in the sense that it can occur in all four seasons.") Alleine von Beginn der Studienperiode im Mai 2022 bis zum Ende der Meldepflicht Ende Juni 2023 gab es in Dänemark (und dem Rest Europas) vier Wellen, Sommer wie Winter:

Quelle: Our World In Data

Entsprechend kam es zu deutlich mehr Todesfällen innerhalb von 30 Tagen nach der stationären Aufnahme wegen COVID-19 (2.361) als nach Aufnahmen wegen Influenza (489). Besonders groß war der Unterschied bei den über 65-Jährigen. Sie hatten ein mehr als 5x so großes Risiko. Und: 2022-2023 war das Risiko höher als 2023-2024. Man wird sehen, ob die Mortalität über die Jahre weiter abnehmen wird. Weitere Details finden Freunde der Statistik in dieser Tabelle:

In einem nächsten Schritt griffen die Autor:innen die im Winterhalbjahr aufgetretenen Infektionen heraus, um so die beiden Krankheiten besser vergleichen zu können. Denn wie oben bereits erwähnt: Die Grippe tritt im Sommerhalbjahr nur selten auf - im Unterschied zu COVID-19. Im Gegensatz zum oben berechneten Gesamtrisiko wurde nun das individuelle Sterberisiko berechnet. Also: Wie hoch ist das Risiko einer wegen COVID-19 aufgenommenen Person im Vergleich zu einer wegen der Influenza aufgenommenen Person?

Insgesamt war das Sterberisiko innerhalb von 30 Tagen nach einer Aufnahme wegen COVID-19 um 23% höher. Männer und vorerkrankte Personen haben dabei ein höheres Risiko als Frauen und Personen ohne Vorerkrankungen. Und: Die Impfungen minimierten das Risiko. Diejenigen, die trotz Impfung innerhalb der letzten 180 Tage im Spital landeten, hatten kein signifikant erhöhtes Sterberisiko durch COVID-19 im Vergleich zur Influenza.


Die Studie im Kontext

Im Gegensatz zu der weit verbreiteten Ansicht, COVID-19 wäre in den Zeiten von Omikron zu einer relativ harmlosen Infektionskrankheit geworden, führt sie nach wie vor zu deutlich mehr Spitalseinweisungen als die Grippe, die Nr.2 der viralen Infektionen. Und die im Spital aufgenommenen Kranken haben auch eine signifikant höhere 30-Tage-Mortalität. Das zeigen die Daten aus Dänemark. Nicht etwa nur in der Anfangszeit der Pandemie, sondern auch jetzt mit den scheinbar harmloseren Omikron-Varianten. (Und nein: Omikron ist nicht per se harmloser als die früheren Varianten, unser Immunsystem ist inzwischen einfach besser gewappnet - dank Impfungen und auch dank überstandenen Infektionen.)

Die Impfungen machten auch in dieser Studie einen beträchtlichen Unterschied aus. Im Herbst 2022 erhielten 95% der über 65-Jährigen einen COVID-Booster und 81% eine Grippeimpfung. Im Herbst 2023 erhielten 78% eine kombinierte COVID/Influenza-Impfung. Das sind Zahlen, die um Lichtjahre über den Impfraten in den deutschsprachigen Ländern liegen. Das mag neben den Unterschieden im Gesundheitssystem (Österreich ist ein extrem spitalslastiges Land, Deutschland liegt bei den Spitalsbetten irgendwo zwischen Österreich und Dänemark) der Grund sein, warum sich die Zahl der stationären Patienten so stark unterschieden hat (siehe Grafik unten). Extrapoliert man die Ergebnisse aus Dänemark, ist anzunehmen, dass in Ländern mit geringerer Impfquote der Unterschied in der Mortalität noch größer ist.

Die dänische Studie sticht heraus, weil die Daten eines ganzen Landes mit immerhin über 5Millionen Einwohnern erhoben wurden. Frühere Studien schauten sich bestimmte Gruppen an, kamen dabei aber durchaus zu vergleichbaren Ergebnissen. Mit dabei ist natürlich der enorme Datenpool bei den US-Veteranen, bei denen für der Saisonen 2022/23 und 2023/24 durchaus vergleichbare Ergebnisse erhoben wurden ("Risk of Death in Patients Hospitalized for COVID-19 vs Seasonal Influenza in Fall-Winter 2022-2023" und "Mortality in Patients Hospitalized for COVID-19 vs Influenza in Fall-Winter 2023-2024"). Wie bei allen Veteranen-Studien mit dem Bias, dass es sich großteils um ältere Männer handelt, während die dänische Studie die Gesamtbevölkerung anschaute.

Eine gänzlich andere Patientengruppe wurde in einer Ende 2024 publizierten Studie mit Daten aus fast der ganzen USA angeschaut. Hier wurde bei Kindern und jungen Erwachsenen bis zu einem Alter von 20 Jahren mit einer stationären Aufnahme wegen COVID-19, der Influenza oder dem v.a. bei Säuglingen gefährlichen RSV erhoben, wie häufig es zu Komplikationen des Herzens und zu Todesfällen kommt ("Comparison of mortality and cardiovascular complications due to COVID-19, RSV, and influenza in hospitalized children and young adults"). Vor allem die Myokarditis, also die Entzündung des Herzmuskels, war bei COVID-19 signifikant häufiger. Andere kardiale Komplikationen waren tendenziell häufiger, hier ergab sich aber keine statistische Signifikanz.

Abschließend noch ein kurzer Blick auf den Elefanten im Raum: die Langzeitfolgen der akuten Infektionen - also die postakuten Infektionssyndrome (PAIS), Folgen einer schweren Infektion sowie Sekundärerkrankungen wie Herzinfarkte etc. Dass COVID-19 zu zahlreichen länger anhaltenden Problemen führen kann, sollte sich inzwischen herumgesprochen haben. Aber auch die Influenza kann anhaltende Folgen haben. Ein etwas breiteres Bewusstsein dafür ist erst im Schlepptau der COVID-Pandemie entstanden.

Die einzige mir bekannte größere Studie zu Langzeitfolgen von COVID-19 im Vergleich zur Influenza wurde - wie könnte es anders sein - bei US-Veteranen durchgeführt ("Long-term outcomes following hospital admission for COVID-19 versus seasonal influenza: a cohort study"). Obwohl Langzeitfolgen inklusive Todesfälle bis zu 540 Tagen nach einer Influenza alles andere als selten waren, traten sie nach COVID-19 noch deutlich häufiger auf. Mehr dazu habe ich in einem alten Blogartikel geschrieben:

Langzeitfolgen von COVID-19 und Influenza im Vergleich; Kinder, Impfung und Long Covid
Substack-Artikel vom 21.12.2023: Zwei neue Studien: COVID-19 und Influenza können schwere Langzeitfolgen haben, COVID aber häufiger :: Long Covid ist bei geimpften Kindern seltener als bei ungeimpften. Langzeitfolgen von COVID-19 im Vergleich mit der Grippe Seit Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie begleiten uns die Vergleiche von COVID-19 mit der Influenza. Meist