Plötzlich und unerwartet. Die COVID-Impfung und plötzliche Todesfälle.
Eine große kanadische Studie fand keinen Hinweis auf einen Zusammenhang der Impfung mit plötzlichen Todesfällen. Im Gegenteil.
- Impfgegner behaupten, die COVID-Impfung hätte zu zahlreichen plötzlichen Todesfällen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen geführt.
- Diese Behauptungen wurden weit verbreitet und sorgten für Verunsicherung bei Jugendlichen und Eltern.
- Eine aktuelle kanadische Studie untersuchte die Zahl der plötzlichen Todesfälle bei gesunden Menschen bis 50 Jahre.
- Bei den Geimpften war die Wahrscheinlichkeit eines plötzlichen Herztodes halb so hoch wie bei den Ungeimpften.
Jake West starb, als er 17 Jahre alt war. Der sportliche Jugendliche brach während eines Trainings des American Football Teams seiner High School zusammen. Ein Video, auf dem man sieht, wie er kollabiert, wurde im Internet zusammen mit Videos und Fotos anderer plötzlich verstorbener junger Sportler als Propaganda gegen die COVID-Impfungen verbreitet. Jake Wests Mutter versuchte vergeblich, dagegen vorzugehen, dass der Tod ihres Sohnes als Argument gegen die Impfungen missbraucht wird.
„Der Verlust meines Sohnes ist für mich für immer ein schmerzliches Erlebnis, und der Gedanke, dass jemand dies zu seinem eigenen Vorteil ausnutzen könnte, ist sehr beunruhigend. Es ist für mich unfassbar, dass es solche Menschen gibt, die ihre eigenen Absichten verfolgen oder ihre eigene Agenda durchsetzen wollen.“ (Quelle)
Dass Jakes Tod nichts mit den Impfungen zu tun hat, ist leicht nachzuweisen. Er starb im Jahr 2013 - sieben Jahre vor Beginn der COVID-Pandemie, acht Jahre vor dem Ausrollen der ersten Impfungen. Die Impfgegner störte das bei ihrer Propaganda offenbar nicht.
Das ist kein Einzelfall. Auch andere der als Argument gegen die Impfungen missbrauchten Todesfälle junger Athleten ereigneten sich vor Beginn der Pandemie oder zumindest ohne, dass die Sportler die Impfung erhalten hätten. Das betrifft auch Sammlungen von Todesfällen, die im deutschsprachigen Raum unter den Schlagwörtern plötzlich und unerwartet verbreitet wurden.
Ein anderes Beispiel für die Propaganda von Impfgegner ist eine viel geteilte Studie des Kardiologen und Verbreiters von COVID-Falschinformation Peter McCullough, in der er vorgab nachzuweisen, dass die Zahl der plötzlichen Todesfälle junger Menschen seit Beginn der COVID-Impfungen massiv zugenommen hätte.
Dass es sich um gar keine Studie handelte, sondern um einen Letter To The Editor - also einen Leserbrief, störte die Verbreitung der Falschinfo ebenso wenig wie die groteske Vermischung verschiedenster Quellen und dem Inkludieren von Todesfällen krebskranker, pensionierter Sportlehrer als "junge Athleten", wie wir in einem Faktencheck der AP News erfahren. Die Studie, die eigentlich ein Leserbrief ist, schaffte es dennoch bis zu Fox News, und eine kurze Internetsuche zeigt, dass ihr auch in einschlägigen deutschsprachigen Portalen reichlich Raum gegeben wurde.
Der Faktencheck der AP News.
Seriöse Studien fanden dagegen keine Zunahme von Todesfällen bei jungen Sportlern im Vergleich zu vor der Pandemie (z.B.: "Sudden Cardiac Arrest Among Young Competitive Athletes Before and During the COVID-19 Pandemic").
Nach der Impfung kollabierende Jugendliche
Damals auf Twitter (als es noch so hieß) wurden mir immer wieder Videos von Jugendlichen in die Timeline gespült, die - angeblich im Wartebereich nach der Impfung - ohnmächtig vom Sessel fielen. Damit sollte gezeigt werden, wie gefährlich die Impfungen wären. Mich erinnerten die Videos mehr an meine Studienzeit. Ich arbeitete nebenbei in einem Forschungslabor, für das wir immer wieder Blutproben gesunder Menschen brauchten. Naheliegenderweise suchten wir im Hörsaalzentrum der Uniklinik nach Freiwilligen. Regelmäßig klappten Freiwillige bei oder unmittelbar nach der Blutabnahme zusammen. Erstaunlicherweise waren dies fast ausschließlich junge Männer, und wir hatten den Eindruck, dass das Risiko einer Nadelstichohnmacht mit der Muskelmasse zunahm.
Die nach der Impfung kollabierenden Jugendlichen aus den Twitter-Videos ähnelten in Geschlecht und Physiognomie in erstaunlicher Weise den Gym Bros, die bei der Blutabnahme käseweiß wurden.
Und was ist mit der Myokarditis?
Komplett ohne Nebenwirkung ist keine medizinische Intervention, leider auch nicht die Impfung. Wenige Monate nach Beginn des Impfprogramms tauchten erste Berichte von einer Häufung von Fällen von Myokarditis, der Herzmuskelentzündung, auf. Sie betraf vor allem männliche Jugendliche und junge Erwachsene. Die Myokarditis ist eine Impfnebenwirkung, die definitiv ernst genommen werden muss. Sie ist der Hauptgrund, warum davon abgeraten wird, in den Tagen nach der Impfung Sport zu betreiben. Insgesamt ist diese Nebenwirkung zwar selten, mit bis zu 100 Fällen pro 1.000.000 Impfungen. Aber sie ist damit doch häufig genug, dass sie in der Surveillance als Signal rasch auffiel. (Ein gutes Beispiel dafür, wie gut die Überwachung der Impfkomplikationen funktioniert.)
Übersehen wird dabei gerne, dass die Myokarditis nach der Impfung deutlich seltener auftritt als nach COVID-19 bei ungeimpften Personen ("Risk of Myocarditis After Sequential Doses of COVID-19 Vaccine and SARS-CoV-2 Infection by Age and Sex"). Und selbst wenn die Myokarditis nach der Impfung auftritt, verläuft sie in aller Regel deutlich milder als nach der Infektion. Komplikationen oder gar Todesfälle treten deutlich seltener auf als nach Herzmuskelentzündungen anderer Ursache ("Long-Term Prognosis of Patients With Myocarditis Attributed to COVID-19 mRNA Vaccination, SARS-CoV-2 Infection, or Conventional Etiologies").
Plötzliche Todesfälle in Ontario, Kanada
Nun erschien eine kanadische Studie, in der die Zahl plötzlicher Todesfälle anhand eines riesigen Registers an Gesundheitsdaten untersucht wurde. Die Studie erschien vor wenigen Tagen in PLOS Medicine, einer der großen medizinischen Fachzeitschriften.
Für die Studie wurden die Daten des öffentlichen Gesundheitssystems in Ontario, der mit rund 15 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Provinz Kanadas, ausgewertet. In die Analyse wurden alle Personen eingeschlossen, die zum Stichtag 1. April 2021 zwischen 12 und 50 Jahre alt waren und weder eine Herz-Kreislauf-Erkrankung noch einen der Risikofaktoren für eine Komplikation von COVID-19 hatten. Das ging von Diabetes und Autoimmunerkrankungen über Krebs bis zu psychiatrischen Erkrankungen wie Schizophrenie. Letztlich entsprachen 6.365.451 Menschen den Studienkriterien. Über 6 Millionen mehr oder weniger junge, gesunde Personen, die jener Bevölkerungsgruppe entsprachen, bei der es laut manchen Impfgegnern gehäuft zu plötzlichen, unerwarteten Todesfällen nach der Impfung gekommen sei.
Die Forscher erhoben, bei wie vielen dieser 6 Millionen jungen, gesunden Menschen es im Zeitraum vom 1. April 2021 bis zum 30. Juni 2023 zu einem plötzlichen Todesfall gekommen war. Als solchen definierten sie alle Todesfälle, die außerhalb des Krankenhauses plötzlich passierten, oder die sich innerhalb von 24 Stunden nach der Einlieferung ins Krankenhaus ereigneten und bei denen ein Herzstillstand als Diagnose gestellt wurde (sofern dieser nicht mit einer Verletzung, einer psychischen Krankheit oder Drogenkonsum in Zusammenhang gebracht wurde).
Auf 4.963 Todesfälle im Untersuchungszeitraum traf diese Definition zu. Diese wurden mit einer Kontrollgruppe von jeweils fünf Personen aus dem Pool der 6 Millionen anhand von Alter, Geschlecht und sozioökonomischen Daten des Wohnortes gematcht. Bei diesen beiden Gruppen wurde der Impfstatus erhoben. Insgesamt hatten 67,4 % der Fälle zuvor eine COVID-19-Impfung erhalten, verglichen mit 77,1 % der Kontrollpersonen. Zwei oder mehr COVID-19-Impfungen waren vor dem Indexdatum bei 60,6 % der Fälle und 71,1 % der Kontrollpersonen verabreicht worden. Bei Beschränkung der Exposition auf mRNA-Impfstoffe war mindestens eine Dosis bei 66,8 % der Fälle dokumentiert, verglichen mit 76,5 % der Kontrollpersonen. Der Anteil der Geimpften war also bei den plötzlich verstorbenen Personen niedriger als bei der Kontrollgruppe ohne Todesfall.
Die Wissenschaftler:innen errechneten daraus ein um rund 40 % niedrigeres Risiko für einen plötzlichen Todesfall in der Gruppe der Geimpften. Nach nur einer einzigen Impfdosis war lediglich ein minimaler Unterschied zu sehen, bei zwei oder mehr Impfdosen war die Wahrscheinlichkeit dagegen um fast 50 % verringert. Ein positiver PCR-Test von SARS-CoV-2 in den letzten 90 Tagen erhöhte die Wahrscheinlichkeit eines plötzlichen Todesfalls übrigens um das 2,4fache. Aber das nur nebenbei.

Das Studienergebnis im Kontext
Bei insgesamt erwartungsgemäß nur wenigen plötzlichen Todesfällen bis dieser Bevölkerungsgruppe von 12 bis 50 Jahren ohne schwerere Vorerkrankungen war also ein statistisch signifikanter Unterschied zu sehen: Die geimpften Personen hatten ein nun rund halb so großes Risiko eines plötzlichen Todes als die ungeimpften.
Wie lässt sich dieser Unterschied erklären? Es gibt zwar bei manchen Impfungen Hinweise auf über den Impfschutz hinausgehende positive Effekte für die Gesundheit, aber dass diese so groß wären, dass sich das Risiko für plötzliche Todesfälle halbieren würde, ist nur schwer vorstellbar. Viel eher dürfte es sich um eine Korrelation handeln. Es handelt sich um eine Registerstudie, für die retrospektiv Daten ausgehoben wurden. Trotz aller Bemühungen lassen sich bei retrospektiven Studien nie alle Störfaktoren eliminieren, beispielsweise der Lebensstil. Menschen, die gesundheitsbewusster leben, sind im Großen und Ganzen eher bereit, sich impfen zu lassen. Die Vermutung liegt also nahe, dass es weniger an den Impfungen an sich, sondern am gesünderen Lebensstil lag, dass die Geimpften besser abschnitten.
Viel wichtiger ist aber die eigentliche Aussage der Studie: Es gibt nicht den geringsten Hinweis für die Behauptung, dass Impfungen gehäuft zu plötzlichen Todesfällen bei zuvor gesunden, jungen Menschen führen würden.
