SARS-CoV-2: Woher kommt das Virus?

Eine internationale Forschungsgruppe versuchte, diese Frage für die WHO zu beantworten.

SARS-CoV-2: Woher kommt das Virus?
  • Laut dem Bericht ist der zoonotische Ursprung durch eine Übertragung von Wildtieren auf Menschen in Wuhan am wahrscheinlichsten.
  • Für einen Laborleak durch einen Unfall in einem virologischen Labor fanden sie keine klaren Hinweise, können ihn aber auch nicht gänzlich ausschließen.
  • Grund dafür ist die nach wie vor fehlende Transparenz der chinesischen Behörden.
  • Für eine gentechnische Konstruktion des Virus fanden die Forschenden keine über politische Spekulation hinausgehende Evidenz.

Die Straßen waren im Lockdown leer gefegt, in den Spitälern versuchten wir, die neue Krankheit zu verstehen und zu behandeln, da tauchte schon die Frage auf, woher das Virus überhaupt kommt. Klar, der Wet Market in Wuhan war das erste Epizentrum. Es lag nahe, dort verkaufte wilde Tiere als die Quelle des neuen Virus anzunehmen, das erst 2019-nCoV bezeichnet und später zu SARS-CoV-2 umbenannt wurde. Aber schon damals, in der frühen Phase der Pandemie, hatten manche Zweifel am natürlichen Ursprung - manche hatten vielleicht auch den Wunsch, Schuldige zu finden.

Donald Trump bezeichnete das Virus in seiner ersten Amtszeit als „China virus“, frühe Verschwörungstheoretiker sahen eine Plandemie, eine absichtliche Freisetzung des Virus zur Kontrolle der Menschheit. Millionen von Politikern, Forschern, Ärzten steckten offenbar gemeinsam unter einer Decke. Zumindest, wenn man den Verschwörungstheoretikern glauben wollte.

Aber was, wenn es sich um keine absichtliche Freisetzung des Virus handelte, sondern um einen Unfall in einem Labor für virologische Forschung? Diese hielten und halten einige durchaus seriöse Wissenschaftler:innen für wahrscheinlich. Sie sind aber eine klare Minderheit in der wissenschaftlichen Gemeinschaft. In einer 2024 veröffentlichten Umfrage unter Fachleuten der Virologie und der Epidemiologie hielten 80% einen natürlichen Ursprung für wahrscheinlicher, die meisten von ihnen waren sich dabei sehr sicher („The Origin and Implications of the COVID-19 Pandemic - An Expert SurveyPDF):

Interessanterweise ist die Laborhypothese bei Geheimdiensten offenbar deutlich mehr verbreitet als in der Wissenschaft. Während laut Berichten von CIA und FBI zunächst der Laborursprung noch für unwahrscheinlich gehalten wurde, änderte sich das unter der zweiten Trump-Regierung. Die Labortheorie wurde zur offiziellen These des Weißen Hauses („'Lab Leak,' a flashy page on the virus' origins, replaces government COVID sites“). Dass 2025 durchsickerte, dass der deutsche BND bereits 2020 ebenfalls „zu 80 bis 95%“ an einen Laborursprung glaubte, die Regierung diesen Bericht aber unter Verschluss hielt, sorgte nicht unbedingt für Vertrauen.

In Deutschland sorgte zudem Anfang 2025 ein Interview mit Christian Drosten in der taz für einige Aufregung. Vor allem wohl aufgrund des aus dem Zusammenhang gerissenen Satzes, der als Schlagzeile verwendet wurde: „Je mehr Zeit vergeht, desto skeptischer werde ich.“ In Wirklichkeit kritisierte Drosten die Informationspolitik der Volksrepublik China, die wichtige Daten nach wie vor zurückhält, und warnte differenziert vor Gefahren einer zu wenig kontrollierten Forschung mit gentechnisch veränderten Viren. Bezüglich der Herkunft von SARS-CoV-2 sagte er aber lediglich, dass er sich nicht hundertprozentig sicher ist:

"[Einen natürlichen Ursprung] halte ich immer noch für wahrscheinlich und das nehmen auch fast alle Wissenschaftler an, die mit dem Thema befasst sind. Annehmen heißt aber nicht wissen."

Der Expertenbericht für die WHO

Um mehr Klarheit in die Frage des Ursprungs des Virus zu bringen, beauftragte der WHO-Generaldirektor Tedros Ghebreyesus Ende 2021 ein wissenschaftliches Expertenkomitee mit einer unabhängigen Untersuchung. Die Scientific Advisory Group for the Origins of Novel Pathogens (SAGO) legte im Sommer 2025 den 78-seitigen Abschlussbericht vor (PDF):

Independent assessment of the origins of SARS‑CoV‑2, developed by the Scientific Advisory Group for the Origins of Novel Pathogens (SAGO)
The Scientific Advisory Group for the Origins of Novel Pathogens (SAGO) provided initial findings and recommendations to better understand the origins of SARS‑CoV‑2 in a report published on 9 June 2022 (WHO, 2022). This current review is an independent assessment of the origins of SARS‑CoV‑2 developed by the SAGO for WHO, and provides an evaluation of the information from published scientific papers and reports, available intelligence statements and reports, scientific presentations provided to SAGO and expert discussions held by SAGO during closed meetings between November 2021 and June 2025.

Eine Zusammenfassung des Berichts erschien vor Kurzem bei Nature ("COVID’s origins: what we do and don’t know").

SAGO bestand aus 27 Wissenschaftler:innen aus 27 verschiedenen Staaten aller Kontinente - von Südafrika und Kenia bis Vietnam und Kuba, Frankreich und die USA. Aus Deutschland war Christian Drosten ein Teilnehmer des Expertenkomitees. 23 der 27 Mitglieder unterschrieben den Endbericht. Drei Teilnehmer aus China, Russland und Kambodscha unterschrieben nicht, weil sie mit der Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung in China nicht übereinstimmten. Ein weiteres ursprüngliches Mitglied trat aus privaten Gründen zurück, bevor der Bericht fertig war.

Kurz zusammengefasst kommt das unabhängige Komitee anhand aller zur Verfügung stehenden Materialien und Daten zum Schluss, dass SARS-CoV-2 mit großer Wahrscheinlichkeit natürlichen Ursprungs ist. Aufgrund mangelnder Transparenz vonseiten der Volksrepublik China ließ sich die Laborhypothese aber letztlich nicht mit absoluter Sicherheit ausschließen.

Die Evidenz für und gegen vier verschiedene Hypothesen zum Ursprung des Virus wurde untersucht:

  1. Der zoonotische Ursprung - das Virus sprang von Tieren auf Menschen über.
  2. Das Virus wurde im Labor erschaffen und absichtlich freigesetzt.
  3. Das Virus kam durch einen Laborunfall nach einem virologischen Experiment frei.
  4. Das Virus wurde durch importierte Waren nach China gebracht.

Die letzte Hypothese wurde von der chinesischen Regierung im April vorigen Jahres ins Spiel gebracht. Sie ließ sich am einfachsten vom Tisch bringen. Es gibt keinen Nachweis SARS-CoV-2 in Proben, die vor den ersten chinesischen Proben gewonnen wurden.

Die ersten Nachweise von SARS-CoV-2 erfolgten in Proben, die im Dezember 2019 bei Verdachtsfällen entnommen worden waren. Es gibt zwar Berichte von früheren Nachweisen in China, aber auch in Italien, Frankreich und Brasilien. Diese Berichte konnten in unabhängigen Labors aber nicht reproduziert werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um Laborfehler oder auch um spätere Verunreinigungen handelte, ist laut dem internationalen Forscherteam sehr groß.

A busy, bustling marketplace is filled with people.
Dichtes Gedränge auf einem Markt irgendwo in China. Photo by Sergio Kian / Unsplash

Drei Viertel der gesicherten Virusnachweise im Dezember 2019 erfolgten in Proben von Personen aus dem Umfeld des Wildtiermarktes in Wuhan, was ein Indiz dafür ist, dass es sich bei diesem tatsächlich um den Ursprungsort des Übertritts auf Menschen handelte. Darüber hinaus wurden in diesen frühen Proben zwei verschiedene Subtypen von SARS-CoV-2 gefunden. Das wird als Hinweis dafür interpretiert, dass sich das Virus vor dem Übertritt auf Menschen in den Tieren weiterentwickelt hatte, die zum Verkauf auf den Markt gebracht worden waren. In Tieren also, die in der Wildnis gefangen worden waren und zuvor - wenn überhaupt - kaum Kontakt zur menschlichen Zivilisation gehabt hatten.

Ein direkter Vorgänger von SARS-CoV-2 wurde in Wildtieren bisher nicht gefunden. Die Forschenden von SAGO erhoben aber, dass in virologischen Untersuchungen von Fledermäusen in Südostasien gleich mehrere Viren gefunden wurden, die mit SARS-CoV-2 zumindest eng verwandt sind. Auch das lässt einen zoonotischen Ursprung also plausibel erscheinen.

Das alles sind keine Beweise, aber doch klare Indizien für einen zoonotischen Ursprung von SARS-CoV-2, das von Wildtieren am Markt von Wuhan auf Menschen übertragen wurde.

Dagegen fand das Forschungsteam keine klaren virologischen Hinweise dafür, dass das Virus in einem Labor konstruiert und absichtlich oder unabsichtlich freigesetzt wurde.

In mehreren Publikationen wird die Furin-Spaltstelle RRAR als Hinweis dafür gesehen, dass das Virus im Labor konstruiert worden wäre. Die Furin-Spaltstelle erleichtert dem Virus das Eindringen in menschliche Zellen. Sie würde bei einem designten Coronavirus also Sinn ergeben. Dazu kommt, dass diese Furin-Spaltstelle nur bei einem einzigen Vertreter der Untergattung der Sarbecoviren vorkommt: eben bei SARS-CoV-2. Allerdings kommt sie bei gleich mehreren Viren der übergeordneten Virengattung der Betacoronaviren vor - und zwar bei Viren, die so weit voneinander entfernt sind, dass Furin-Spaltstelle offenbar mehrmals unabhängig voneinander entstanden ist. Dass dies auch bei SARS-CoV-2 der Fall war, scheint also nicht unplausibel.

So schaut Furin laut Wikipedia aus. Wer findet die Spaltstelle? Von Emw, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8814334

Die internationale Forschungsgruppe weist deshalb darauf hin, dass das bloße Vorhandensein der Furin-Spaltstelle in SARS-CoV-2 nicht bestätigt, dass es aus einem Labor stamme. Zudem liefere die veröffentlichte Literatur keine weiteren überzeugenden Beweise für einen nicht-natürlichen Ursprung auf der Grundlage von Gentechnik.

Am schwierigsten gestaltete sich die Evaluierung der Hypothese eines Laborunfalls. Die internationale Forschungsgruppe weist dezidiert darauf hin, dass ihnen der Zugang zu wichtigen Labordaten verwehrt blieb. Die chinesischen Behörden ließen verlautbaren, dass sie alle relevanten Daten weitergegeben hätten und dass die WHO bzw. SAGO in anderen Ländern mit Forschung zu Coronaviren suchen solle.

Tatsächlich verweigerte die chinesische Regierung trotz wiederholter Aufforderungen der WHO die Offenlegung folgender Dokumente:

  • Gesundheitsakten der Mitarbeiter von Forschungslabors;
  • Protokolle zur biologischen Sicherheit und Biosicherheit sowie Audits oder unabhängige Inspektionen zur Überprüfung der Sicherheitsverfahren von Labors in Wuhan.

Weiter bekam SAGO keinen Zugang zu:

  • 500 Virussequenzierungen von Personen mit COVID-19 zu Beginn der Pandemie;
  • detaillierten Informationen über die Herkunft, Standorte, Probenahme- und Testmethoden von Tieren, die auf Wildtiermärkten in Wuhan verkauft wurden, einschließlich der vorgelagerten Landwirtschaft oder des illegalen Handels;
  • Informationen über Forschungs- und Feldaktivitäten in Laboren in Wuhan, einschließlich Gesundheitsakten der Mitarbeiter, Informationen zur biologischen Sicherheit und Biosicherheit des Wuhan Institute of Virology und des Wuhan China CDC-Labors.

Da überrascht es nicht, dass es der SAGO nicht möglich war, einen Laborleak als Ursache der Pandemie auszuschließen. Die Forschenden weisen aber darauf hin, dass jene Berichte von Geheimdiensten und Behörden, die von einem Laborleak ausgehen, aus wissenschaftlicher Sicht nur geringe Evidenz liefern. Entsprechend werten sie diese Berichte weniger als wissenschaftlich fundiert, sondern als politisch motivierte Spekulationen.

Noch mehr gilt dies laut den SAGO-Wissenschaftler:innen bei den von zivilen Gruppen veröffentlichten Abhandlungen, die „zahlreiche Missverständnisse, Fehlinterpretationen und Spekulationen“ beinhalten, auf die sie im Endbericht detailliert eingehen.

Zusammengefasst halten die Forschenden den zoonotischen Ursprung von SARS-CoV-2 sowohl aus virologischer Sicht aufgrund der genetischen Struktur des Virus als auch aufgrund der verfügbaren Informationen über die frühen Infektionsfälle im Dezember 2019 für plausibel und wahrscheinlich. Sie kritisieren aber die fehlende Kooperation Chinas, die dazu führt, dass sie einen Laborursprung nicht gänzlich ausschließen können. Im Bericht schreiben sie:

"Die von der SAGO geprüften verfügbaren Beweise deuten darauf hin, dass SARS-CoV-2 entweder direkt von Fledermäusen oder über einen Zwischenwirt auf den Menschen übertragen wurde. [...] Es fehlen auch Informationen und Belege, um die Möglichkeit eines Ursprungs im Labor zu bewerten – entweder sind die Belege nicht verfügbar oder sie wurden der wissenschaftlichen Gemeinschaft nicht zur Verfügung gestellt. Daher war es SAGO nicht möglich, diesen Weg der Infektion beim Menschen angemessen zu bewerten, und kann diese Möglichkeit daher nicht ausschließen. Hypothesen, die der SAGO vorgelegt wurden oder öffentlich zugänglich sind und eine absichtliche Manipulation des Virus vermuten lassen, werden jedoch nicht durch genaue wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt und derzeit nicht als wahrscheinliche Quelle angesehen."

Ist es überhaupt wichtig, den Ursprung des Virus zu kennen?

Diese Frage streift die Forschungsgruppe in ihrem Text nur kurz an. Natürlich wäre es aus wissenschaftlicher Sicht und auch für Laien interessant, ganz genau zu wissen, wie genau jenes Virus entstanden ist, das uns die schlimmste Pandemie der letzten 100 Jahre beschert hat. Aber warum ist es manchen Gruppen so wichtig, ein Land oder ein Forschungslabor zu benennen, das Schuld am Virus ist?

Die Antwort auf die Frage, woher das Virus stammt, ändert wenig an der grundsätzlichen Problematik, dass die Gefahr neuer Pandemien steigt. Das Risiko eines zoonotischen Ursprungs einer Pandemie steigt aufgrund der Veränderung des Lebensraums der Wildtiere durch Zerstörung ihres Habitats und durch die Klimaerwärmung. Gleichzeitig ist es technisch prinzipiell möglich, neue Viren im Labor zu konstruieren. Der rasante technologische Fortschritt wird dies in Zukunft noch deutlich vereinfachen, sodass in absehbarer Zeit zahlreiche Staaten, aber auch nicht-staatliche Organisationen wie Terrorgruppen gezielt tödliche Viren in die Öffentlichkeit bringen könnten. Christian Drosten hat darüber in dem eingangs zitierten taz-Interview gesprochen.

Auf beides sollten wir uns als Gesellschaft vorbereiten. Ganz unabhängig davon, wo der Ursprung von SARS-CoV-2 nun wirklich liegt.