Jetzt kommt FLiRT

Eine FLiRT genannte Variantengruppe von SARS-CoV-2 ist drauf und dran, die Führung zu übernehmen. Eine neue Welle wird wohl kommen. Die Frage ist, wie groß sie sein wird.

Jetzt kommt FLiRT

Die wichtigsten Punkte auf einen Blick

  • Die COVID-19-Lage scheint derzeit stabil so niedrig wie schon lange nicht mehr.
  • Versteckt in der niedrigen Gesamtzahl an Infektionen gewinnt FLiRT die Oberhand, eine Gruppe von JN.1-Abkömmlingen mit zwei namengebenden Mutationen.
  • Der Beginn einer neuen COVID-Welle im Mai wird erwartet, letzte Modellierungen gehen aber nicht davon aus, dass sie sehr groß wird.
  • Die Älteren und die Immunsupprimierten sollten sich jetzt Gedanken über einen Frühlingsbooster machen.

Die Zahl der COVID-19-Infektionen ist seit Wochen so niedrig wie seit dem letzten Sommer nicht mehr. Nur mehr die Allervorsichtigsten tragen wenigsten in größeren Menschenmengen eine Maske. (Ich derzeit nicht. Außer natürlich im Spital bei Patientenkontakt.) Die niedrigen Zahlen sind nicht nur ein Gefühl, weil man selber fast keine COVID-19-Erkrankten kennt, sie werden durch die Abwasserdaten bestätigt.

Auch in den Spitälern ist COVID-19 derzeit kein echtes Thema. (Trotzdem haben wir auf der ICU gerade einen Patienten mit einer klassischen COVID-Lunge wie anno 2020. Das Virus ist ja nicht ausgestorben.)

Stationäre Aufnahmen wegen COVID-19 in Österreich (Quelle)

Doch die Ruhe könnte trügerisch sein. In den letzten Wochen schleicht sich langsam eine Gruppe neuer Subvarianten heran, die eine neue Welle hervorrufen könnte: die FLiRT-Gruppe.


Virus versus Immunabwehr

Die Dynamik der Infektionen ist gekennzeichnet durch einen dauernden Widerstreit der Virusevolution und der menschlichen Immunität. Unser Abwehrsystem hat Kontakt mit dem Virus oder - eine weit bessere Idee - mit den jeweils aktuellen Impfstoffen und baut so eine mehr oder weniger gute Immunität gegen das Virus auf. Wenn genug Menschen gegen einen Virussubtyp eine gute Abwehr aufgebaut haben, kann sich dieser nur mehr schwer weiterverbreiten. Deshalb sind die ursprünglichen Varianten von SARS-CoV-2 inklusive dem besonders brutalen Delta längst kein Thema mehr.

Allerdings ist SARS-CoV-2 ein Virus mit einer großen Mutationsfreudigkeit. Und weil es dank der Impfungen viel von seinem Schrecken verloren hat (viel seltener schwere Verläufe, etwas seltener Long Covid), sind wir längst zur sogenannten Normalität zurückgekehrt. Deshalb hat das Virus unendlich viele Gelegenheiten für neue Subvarianten, von denen manche neue Eigenschaften haben, durch die sie der Immunabwehr entkommen.

So übernahm im Herbst vorigen Jahres BA.2.86, der Einfachheit meist Pirola genannt, die Führung und sorgte für die Herbstwelle, die dann durch die Weiterentwicklung JN.1 nahtlos in die Winterwelle überging. Mehr dazu in diesem Artikel:

Pirola und ihre Kinder übernehmen die Führung in der Welle
Substack-Artikel vom 06.12.2023: Abwassermessungen zeigen die bisher größte Welle der Pandemie. Krankenstände und Hospitalisierungen zeigen, dass das nicht egal ist. Pirola und JN.1 könnten dem noch eins draufsetzen. Die Daten des österreichischen Abwassermonitorings zeigen, dass wir uns wohl in der bisher größten Welle der COVID-19-Pandemie befinden. In

Manche Subvarianten verlieren dabei aber einen Teil ihrer Virulenz, können nicht mehr gut in die Zellen eindringen und setzen sich deswegen nicht durch. Das dürfte ein Grund gewesen sein, warum sich BA.2.87 (nicht zu verwechseln mit BA.2.86!) trotz einer beeindruckenden Zahl an Mutationen nie durchgesetzt hat. Viele Mutationen und ein starker Immunescape bedeuten eben nicht zwangsläufig, dass die Variante eine neue Welle ins Rollen bringen kann.


Jetzt kommt JN.1 +FLiRT

Seit einigen Wochen ist nun eine neue Gruppe von Subvarianten dabei, die Führung bei den - derzeit sehr wenigen - COVID-19-Infektionen zu übernehmen. Es handelt sich um Abkömmlinge der für die Winterwelle verantwortlichen Variante JN.1, die alle die FLiRT-Mutation aufweisen. Warum "FLiRT"? Weil bei ihnen an der Position 456 die Phenylalanin (F) die Aminosäure Leucin (L) ersetzt und an der Position 346 die Aminosäure Arginin (R) die Aminosäure Threonin (T).

Die beiden Mutationen sorgen offensichtlich für einen deutlichen evolutionären Vorteil. Der relative Anteil der neuen FLiRT-Varianten steigt weltweit, deutlich zu sehen in Europa und Nordamerika, wie die Datenvisualisierung von Mike Honey auf einen Blick zeigt. In Indien scheinen sie bereits die Dominanz erreicht zu haben (bei allerdings sehr wenigen Virussequenzierungen, deshalb der unruhige Kurvenverlauf).

Unter den FLiRT-Varianten scheint sich zumindest in den USA jene namens KP.2 derzeit am schnellsten zu verbreiten. Innerhalb von nur 4 Wochen stieg ihr Anteil an den Infektionen laut des Variantentrackings der CDC von 3,9% auf 24,9%.

Sequenzierungsergebnisse der Stichproben bei COVID-19 in den USA (Quelle)

In einer ganz aktuellen Studie, die aufgrund der Aktualität natürlich noch nicht peer-reviewed (also von unabhängigen Experten kontrolliert) wurde, wurde anhand der Surveillance Daten aus den USA, Großbritannien und Kanada ein relativer R-Wert von knapp 1,3 im Vergleich zu JN.1 errechnet. Mit anderen Worten: KP.2 verbreitet sich derzeit um knapp 30% schneller als JN.1.

Die relativen R-Werte im Vergleich zu JN.1. BA.2.86.1 (Pirola) verbreitet sich schlechter, JN.1 mit der R346T oder der F456L-Mutation etwas besser, KP.2 mit beiden Mutationen ("FLiRT") am besten.

In weiteren virologischen Untersuchungen zeigte sich dabei, dass KP.2 an sich deutlich weniger infektiös ist als JN.1, nämlich um das 10,5fache. Warum verbreitet sich KP.2 dennoch schnell? Weil sie das Resultat eines neuerlichen, beträchtlichen Immunescapes ist. Das Serum von mit dem XBB-Booster vom letzten Herbst geimpfte Personen ohne vorherige Infektion neutralisiert das KP.2-Virus 3,1mal weniger als das JN.1-Virus, bei XBB-Geimpften mit vorheriger Infektion 1,8mal weniger. Selbst mit JN.1 infizierte Personen hatten eine 1,5mal geringere Neutralisation.

Neutralisationsasseys bei XBB-Geimpften ohne bzw. mit vorheriger Infektion sowie bei Personen mit Durchbruchinfektionen (BTI).

Kommt jetzt eine Welle?

Und was bedeutet das alles in der Praxis? Kommt eine neue Welle, wie manche schon verlautbaren? Prognosen sind bei SARS-CoV-2 berüchtigt schwierig. Das Virus hat uns ein ums andere Mal überrascht. Als man dachte, der Pandemie ginge die Luft aus, kam Omikron und steckte mehr Menschen an als irgendeine andere Variante zuvor, nur um dann von Pirola und JN.1 noch einmal übertrumpft zu werden. Andererseits rechneten viele mit einer großen Welle durch BA.2.87, das sich dann nie durchsetzte.

Die FLiRT-Varianten inklusive KP.2 zeigen seit einigen Wochen einen deutlichen, aber nicht sehr steilen Anstieg. Sie entkommen dem von XBB und JN.1 trainierten Immunsystem einigermaßen, büßen das aber offenbar mit einer geringeren Infektiosität ein. Jene Wissenschaftler, die sich an Prognosen heranwagen, gehen von einer eher niedrigen Welle aus, keiner mit den letzten beiden Wellen vergleichbarem. Als Beispiel hat JP Weiland auf Twitter folgende Prognose für die USA gewagt:

Quelle: JP Weiland auf Twitter

Die nahe Zukunft wird zeigen, ob er mit seiner Prognose recht behält.

Für die Vulnerablen unter uns, die Älteren und die Immunsupprimierten ist jetzt - vor der Beginn der nächsten Welle, wie groß diese auch tatsächlich sein wird - der Zeitpunkt gekommen, über den Frühlingsbooster nachzudenken. Der XBB-Booster ist zwar nicht ideal gegen die FLiRT-Varianten, bringt aber doch einen gewissen Schutz. Ein höherer Antikörpertiter macht es dem Virus schwerer, dem Immunsystem komplett zu entkommen.

So oder so zeigt das Virus zum xten Mal, was für unglaubliche Möglichkeiten zur Adaptation es noch immer hat.