Pirola und ihre Kinder übernehmen die Führung in der Welle

Pirola und ihre Kinder übernehmen die Führung in der Welle

Substack-Artikel vom 06.12.2023:

Abwassermessungen zeigen die bisher größte Welle der Pandemie. Krankenstände und Hospitalisierungen zeigen, dass das nicht egal ist. Pirola und JN.1 könnten dem noch eins draufsetzen.


Die Daten des österreichischen Abwassermonitorings zeigen, dass wir uns wohl in der bisher größten Welle der COVID-19-Pandemie befinden. In sämtlichen Bundesländern wurde der Höchststand erreicht - mit Ausnahme von Wien, das wohl in den nächsten Tagen den Rekord vom Spätsommer 2022 erreichen wird. (Anmerkung: Siehe Update ganz am Ende)

Die Ergebnisse des Abwassermonitorings für Österreich, Wien und den derzeitigen Spitzenreiter Vorarlberg im Zeitverlauf. Keine Welle war in Österreich so hoch wie die jetzige.
Die Abwasserdaten von Österreich gesamt, Wien und dem derzeitigen Spitzenreiter Vorarlberg. Quelle: abwassermonitoring.at

In Deutschland schaut die Situation ähnlich aus. (Wie repräsentativ diese Daten sind, weiß ich nicht. Es fließen Proben aus nur 114 Kläranlagen in die Berechnung ein, im Vergleich zu 48 Anlagen im zehnmal kleineren Österreich).

Daten des deutschen Abwassermonitorings. Quelle rki.de

Auch wenn sich COVID-19 für viele Erkrankte inzwischen so anfühlen mag, ist COVID-19 definitiv keine Erkältung. Dazu muss man nur die Zahl der Krankenstände herannehmen. Bei uns im Spital ist das Personal derzeit ziemlich ausgedünnt, von der Schule meiner Kinder kriege fast jeden Tag eine Nachricht von Ausfällen des Lehrpersonals. Der subjektive Eindruck trügt nicht, sondern kann durch Zahlen belegt werden. In Wien berichtet die ÖGK (die Krankenkasse der Arbeiter und Angestellten) beispielweise, dass es in der Kalenderwoche 48 wegen COVID 9.852 Personen im Krankenstand waren. Das sind 33% mehr als zum selben Zeitpunkt des Vorjahres.

Auch die Zahl der stationären Aufnahmen wegen COVID-19 geht weiter in die Höhe. Im SARI-Dashboard, das schwere akute Infektionen der Atemwege erfasst, sind wir in Österreich schon wieder bei fast 1000 stationären Aufnahmen. Wohlgemerkt ist COVID-19 keine meldepflichtige Infektion mehr, und die früheren Screening allerer Patent:innen gibt es auch längst nicht mehr. Die Zahl der COVID-19-Kranken in den Spitälern wird also wahrscheinlich unterschätzt. Ganz abgesehen vom Meldeverzug.

Die Krankenstände durch COVID im SARI-Dashboard.
Zahl der stationären Aufnahmen wegen COVID. Quelle: www.sari-dashboard.at

JN.1 ist auf der Überholspur

Um einen Überblick über die jeweils aktuellen SARS-CoV-2-Varianten und Subvarianten zu haben, werden die im Abwasser gefundenen Viren sequenziert. Hier zeigt sich für Österreich, dass die Subvarianten der EG.x-Gruppe nur mehr eine untergeordnete Rolle spielen, und auch der relative Anteil der zuletzt dominanten XBB-Varianten nimmt ab.

Aufarbeitung der Virusvarianten im Abwasser. In den letzten Wochen nimmt JN.1 rasch zu.
Prozentuelle Anteile der Virusvarianten im wöchentlichen Verlauf. Quelle: abwassermonitoring.at

Stattdessen steigen BA.2.86, auch “Pirola” genannt, und ihre Kinder zuletzt rasant an, v.a. JN.1. Zuletzt machten sie gemeinsam knapp 25% aller SARS-CoV-2-Viren aus (siehe Grafik unten). Zu beachten ist, dass die Sequenzierungen Zeit brauchen. Die letzten Daten sind von Proben bis zum 22.11.2023. Gut möglich, dass die Pirola-Familie inzwischen (6.12.) bereits die Mehrheit übernommen hat.

BA.2.86 und JN.1 herausgehoben.
BA.2.86 und JN.1 herausgegriffen.

Der derzeitige Siegeszug von Pirola bzw. JN1 ist natürlich nicht auf Österreich beschränkt. In Deutschland schaut es nicht viel anders aus (Daten bis 13.11.23), wobei Pirola z.B. in Berlin zu dem Zeitpunkt vor fast einem Monat bereits einen 39%-Anteil erreicht hatte.

Anteil der BA.2.86-Subvarianten an der Gesamtheit der SARS-CoV-2-Viren im deutschen Abwassermonitiring. Quelle: github.com/Mike-Honey/covid-19-genomes#readme

In einigen europäischen Ländern ist JN.1 noch um einiges weiter als im deutschsprachigen Raum. Auf X hat Ryan Hisner das mit folgender Grafik zusammengefasst.

https://nitter.net/pic/orig/media%2FGAgBra-WIAADk15.jpg

Was ist das Besondere an JN.1?

Als BA.2.86 im August erstmals identifiziert wurde, sorgte das für einige Aufregung in der Welt der Virologe. Die folgende Grafik aus einem Artikel von Eric Topol zeigt warum. Sie zeigt die Evolution des SARS-CoV-2-Virus. Die ersten zwei Jahre waren von den Varianten ganz links auf der Abbildung geprägt, vom Wildtyp bis zu Delta. Als der Selektionsdruck durch die inzwischen sich aufbauende Immunität der Menschen größer wurde, tauchten mit BA.1 und knapp danach BA.2 die ersten Omikron-Varianten auf. Der Abstand auf der Grafik entspricht der Zahl der neuen Mutationen. Weiter ging es zu den ganzen XBB-Varianten, die im Frühling übernahmen und auf denen (genauer gesagt auf XBB.1.5) der aktuelle Herbstbooster basiert. BA.2.86 entwickelte sich separat aus der BA.2-Gruppe, von denen es sich aber durch über 40 neue Mutationen unterscheidet. Als Laie stellt man sich die Frage, wie anders eine Subvariante sein muss, damit sie nicht mehr zu Omikron gezählt wird.

Quelle: erictopol.substack.com/p/the-virus-takes-a-detour-in-its-evolutionary

Weil Pirola so anders ist als alle früheren Varianten, wurde angenommen, dass sie diese rasch übertreffen würde. Das passierte allerdings nicht. Der Wachtsumsvorteil von Pirola war weit geringer als erwartet. Dann kam JN.1, das sich vom ursprünglichen BA.2.86 v.a. durch die Mutation L445S unterscheidet, mit der sie dem Immunsystem weit besser entkommt als seine Vorgängerin. Damit scheint JN.1 jetzt das zu erfüllen, was man sich von BA.2.86 erwartete.

Die derzeitige COVID-19-Welle wird von manchen Virologen nicht als Welle bezeichnet, weil sie sich nicht aus einer führenden Variante zusammensetzt, sondern aus eine Variantensuppe besteht. Gut möglich dass sich das bald ändert. Oder es kommt komplett anders mit rasch auftretenden weiteren Varianten. Das Virus hat uns schon oft überrascht.


Was bedeutet das in der Praxis?

Es gab nach dem Auftauchen von Pirola Befürchtungen, dass sie wegen einiger virologischen Gemeinsamkeiten mit Delta so wie dieses zu schwereren Verläufen führen könnte. Mehr dazu in diesem Preprint. In der Praxis wurde das aber nicht gesehen. Nach allem, was wir derzeit wissen, ist Pirola plus Familie nicht gefährlicher als die Vorgänger. Wie gut diese Nachricht angesichts der in diesem Blog schon xmal gezeigten möglichen Langzeitfolgen von (wiederholten) Erkrankungen an COVID-19 ist, sei dahingestellt.

Die wirklich gute Nachricht: Obwohl JN.1 sich sehr stark von XBB.1.5 unterscheidet, scheint der aktuelle XBB-Impfstoff auch gegen JN.1 recht gut zu wirken, zumindest wenn man dieser Studie zu neutralisierenden Antikörpern gegen verschiedene Varianten inklusive JN.1 glauben darf.

Grafik zu den im Text beschriebenen Antikörpertiter.
Neutralisierende Antikörper gegen verschiedene Virusvarianten vor (blau) und nach dem XBB-Booster. Quelle: www.biorxiv.org/content/10.1101/2023.11.26.568730v2

Bei Probanden mit der kompletten Vorimmunisierung (Grundimmunisierung 2021 + Booster im Frühling 2022 + bivalenter Herbstbooster 2022) führt der aktuelle XBB-Booster zu einer guten Antikörperantwort, und zwar bei Probanden ohne vorherige Infektion (b in der Abbildung), nach COVID19 durch das ursprüngliche Omikron (c) und nach einer Infektion mit einer XBB-Variante (d).

Nebenbei: Ein gewisses Immunimprinting (geringere Immunantwort auf neue Varianten nach Basisimpfung) ist zwar auch hier zu sehen, aber es war nicht sehr stark ausgeprägt wie nach den bivalenten Herbstbooster 2022.


Zusammenfassung

Die Variante JN.1 ist drauf und dran, die Führung in der Variantensuppe zu übernehmen und konnte so dafür sorgen, dass die aktuell schon enorme COVID-Welle noch weiter ansteigt, dass also noch mehr Leute erkranken. Aber nach allem was wir wissen, führt sie zu keine schwereren Verläufen als die Vorläufer. Und die Impfung mit dem aktuellen Booster schützt. So wie natürlich auch alle anderen präventiven Maßnahmen inklusive einer gut sitzenden FFP2-Maske. Die schützt auch vor anderen Viren wie der gerade losstartenden Influenza.


Update am 09.12.2023

Wien würde wohl “in den nächsten Tagen” den Rekord vom Spätsommer 2022 erreichen, habe ich geschrieben. Hat es. Und nicht nur das. Es hat es deutlich übertroffen.

Abwassermonitoring für Österreich und für Wien. Beide mit dem deutlichen Höchststand.
Abwassermonitoring für Österreich und Wien, abgerufen am 9.12.23.

Und was sich da gerade in Deutschland abzuspielen scheint, ist sowieso nicht zu fassen.

Graph der Abwasser-Überwachungszahlen von
https://www.rki.de/DE/Content/Institut/OrgEinheiten/Abt3/FG32/Abwassersurveillance/Bericht_Abwassersurveillance.html?__blob=publicationFile#Abb2-anchor
Abwasserdaten von Deutschland. Quelle: rki.de