Die Herbstimpfungen 2023 wirkten (auch in Sachsen und Thüringen)
Eine neue Studie untersuchte die Wirksamkeit der Herbstimpfung 2023 zur Verhinderung von schweren Verläufen und Long Covid
- Die angepassten Herbstbooster 2023 senkten im Vergleich zu Ungeimpften die Wahrscheinlichkeit einer Hospitalisierung wegen COVID-19 um fast 60%.
- Das Risiko einer Erkrankung an Long Covid sank um 57%.
- Die Geimpften hatten signifikant weniger Krankenstandstage.
- Neben den gesundheitlichen Folgen führten die Impfungen so auch zu einer ökonomischen Ersparnis im Millionenbereich.
Die Wirksamkeit der COVID-Impfungen sowohl zur Verhinderung von schweren Verläufen von COVID-19 als auch zur Verhinderung der unter dem Überbegriff Long Covid zusammengefassten Folgekrankheiten ist gut belegt. In diesem Blog war das ein häufiges Thema. Zuletzt zum Beispiel in diesen Artikeln:


Den größten Nutzen brachten die Impfungen in der Hochphase der Pandemie, aber auch die in weiterer Folge meist im Rahmen von herbstlichen Impfkampagnen verabreichten, aktualisierten Impfstoffe brachten eine über die Grundimmunisierung hinausgehende Wirksamkeit.
Die bisherigen Daten kamen großteils aus den USA und anderen Ländern mit großzügiger Erfassung von Gesundheitsdaten wie Großbritannien, den Niederlanden oder Dänemark. Jetzt erschien eine Studie aus dem deutschsprachigen Raum, in der die Wirksamkeit der Impfungen der Saison 2023/24 untersucht und neben den gesundheitlichen Effekten auch die Kostenersparnisse von Spitalsaufenthalten und Krankenständen erhoben wurden.
Klinische und wirtschaftliche Vorteile der COVID-19-Impfung in Deutschland
Für die vor ein paar Tagen erschienene Studie wurden Daten von insgesamt über 3 Millionen bei AOK plus versicherten Personen in Sachsen und Thüringen ausgewertet, die zum Zeitpunkt der Herbstimpfungen 2023 seit mindestens einem Jahr versichert gewesen waren und die bisher keine Diagnose von Long Covid erhalten hatten („Clinical and economic benefits of seasonal COVID-19 vaccination in Germany: results from the ROUTINE-COV19 Study, September 2022 to March 2024“).
Im Zeitraum von Anfang September bis Ende November 2023 erhielten 73.067 Personen eine Impfung mit dem damals verwendeten, an die XBB.1.5-Untervariante von Omikron angepassten Impfstoff (zur Erinnerung: Der angepasste Herbstbooster kommt und wird allen ab 12 Jahren empfohlen (in Österreich)). Die restlichen 3.145.952 Versicherten verzichteten auf die Impfung. Von diesen wurden 73.066 Personen ausgewählt, die anhand ihrer demografischen Daten und der Gesundheitsdaten in den 12 Monaten vor der Impfung gut mit den geimpften Personen übereinstimmten. Diese beiden Gruppen wurden miteinander verglichen.
Wir haben also zwei so gut wie möglich vergleichbare Gruppen, deren einziger nennenswerter Unterschied ist, ob sie die saisonale COVID-Impfung erhalten haben. Eine vorbestehende Immunisierung durch frühere Impfungen oder auch durch bereits durchgemachte COVID-19-Infektionen wurde nicht berücksichtigt.
Im Beobachtungszeitraum bis Ende März 2024 hatten die Personen mit der Herbstimpfung eine um 14% geringere Wahrscheinlichkeit einer dokumentierten Infektion mit SARS-CoV-2, wobei dies allerdings knapp, aber doch nicht statistisch signifikant war. Sehr signifikant war dagegen eine um 57% geringere Wahrscheinlichkeit einer Diagnose von Long Covid.

Dass die Impfungen seit Omikron leider nur mehr einen geringen Schutz vor der Infektion bieten, ist bekannt. Das eigentliche Hauptziel ist allerdings der Schutz vor einem schweren Verlauf. Dass die Impfungen dabei sehr wirksam sind, wurde auch in dieser Studie gezeigt. Das Risiko einer stationären Aufnahme wegen COVID-19 war bei den Geimpften um rund 60% geringer. Die geimpften Personen hatten darüber hinaus ein niedrigeres Risiko, ganz allgemein wegen Infekten der Atemwege sowie auch wegen Herz- und Gefäßerkrankungen (CVD) stationär aufgenommen zu werden.

Das Sterberisiko an COVID-19 oder den Folgen der Erkrankung war um über 70% geringer, wobei hier aufgrund der insgesamt niedrigen Zahl an Todesfällen eine recht große statistische Unschärfe bestand. Die Geimpften hatten weiters ein um ein Viertel niedrigeres Gesamtsterberisiko als die ungeimpfte Vergleichsgruppe.

Über die gesundheitlichen Folgen hinaus hat die Impfung auch ökonomische Auswirkungen. Spitalsaufenthalte sind teuer. Also liegt es auf der Hand, dass weniger schwere Verläufe geringere Kosten bedeutet. Darüber hinaus sind die Boosterimpfungen zwar nicht sehr wirksam bei der Verhinderung der Infektion, aber die Verläufe sind leichter und kürzer, was zu deutlich weniger Krankenstandstagen führt. Die Details finden sich in der unten angefügten Tabelle. Zusammengefasst errechnete die Forschungsgruppe im viermonatigen Beobachtungszeitraum nach den Impfungen eine Ersparnis von 1 Million Euro durch verhinderte COVID-Spitalsaufnahmen und von 1,3 Millionen Euro durch verhinderte Krankenstände in der Studiengruppe.

Die Studie im Kontext
COVID-19 hat viel von dem Schrecken der ersten Wellen verloren. Dank der Hintergrundimmunität durch frühere Impfungen und auch durch überstandene Infektionen ist unsere Immunabwehr viel besser gegen SARS-CoV-2 geschützt als zu Beginn der Pandemie, als wir es noch mit einem für unser Immunsystem unbekannten Virus zu tun hatten. Das wird auch so bleiben, solange wir es nicht mit einer gänzlich neuen Variante zu tun bekommen.
Die letzten COVID-Wellen (sofern man sie überhaupt noch als solche bezeichnen kann) führten von Mal zu Mal zu weniger Hospitalisierungen. Aktuell befinden wir uns sowieso in einem all-time-Low von stationären Behandlungen, wie die österreichischen Daten zeigen:

Gänzlich ungefährlich ist COVID-19 aber freilich weiterhin nicht. V.a. bei den Vulnerablen, den Älteren und Vorerkrankten sorgt jede neue Welle für eine beträchtliche Krankheitslast. Ganz zu schweigen von Long Covid, das laut den konservativen Schätzungen des Robert-Koch-Instituts immerhin 5-10% der Personen mit COVID-19 betrifft („Long COVID“).
Die anfängliche Grundimmunisierung war der sprichwörtliche Gamechanger in der Pandemie. Im Spital war das besonders deutlich zu merken. Als ein nennenswerter Teil der Bevölkerung die ersten zwei bis drei Stiche erhalten hatte, konnten wir langsam etwas durchatmen. Die folgenden "saisonalen" Impfungen brachten einen vergleichsweise geringeren Benefit. Das liegt aber vor allem daran, dass die ersten Wellen dermaßen katastrophale Auswirkungen hatten, dass alles danach kommende relativ dazu verblassen musste.
Für sich betrachtet ist COVID-19 aber weiterhin eine schwere Krankheit, die sich in ihrer Krankheitslast zwar langsam der Influenza annähert, aber noch immer über diese zu stellen ist. Das betrifft die Spitalsaufnahmen, insbesondere aber die Folgekrankheiten wie Long Covid.
Die hier besprochene Studie zeigt anhand der Daten der XBB.1.5-Impfungen im Herbst 2023 deren Nutzen, sowohl was schwere Verläufe als auch was das Auftreten von Long Covid betrifft.
Wie schon in manchen früheren Studien gehen manche der Effekte über das zu Erwartende hinaus. Das betrifft insbesondere die geringere Rate an akuten Herz-Kreislauferkrankungen. Ob es sich dabei um eine indirekte Wirkung der Impfungen handelt oder um versteckte Unterschiede der Gruppe der Geimpften und der Ungeimpften, die trotz aller Bemühungen um möglichst gute Vergleichbarkeit bestehen blieben, ist schwer zu sagen. In der im folgenden Artikel vorgestellten französischen Studie wurde jedenfalls Ähnliches beobachtet:

So oder so: Wir haben jetzt auch aus dem deutschsprachigen Raum eine Studie, die den Nutzen der Impfungen selbst nach den ersten Jahren der Pandemie belegt.
