Kinder müssen nicht krank werden, um gesund zu bleiben

Warum der Glaube, dass Infektionen unsere Kinder gesund und stark machen würden, Quatsch ist.

Kinder müssen nicht krank werden, um gesund zu bleiben
Our World In Data
  • Noch um 1900 starben bei uns 40% der Kinder vor dem fünften Geburtstag.
  • Soziale, ökonomische und medizinische Fortschritte haben diese Zahl auf 0,4% gedrückt.
  • Trotzdem hält sich der Glaube, "natürliche" Infektionen wäre wichtig für die Gesundheit und würden vor Allergien und Autoimmunerkrankungen schützen.
  • Das Gegenteil ist richtig:
    • Infektionen schaden den Kindern und triggern Autoimmunerkrankungen.
    • Nützlich ist dagegen ein früher Aufbau des Mikrobioms, also der synergistischen Keime v.a. im Darm und auf der Haut.

Die Kindersterblichkeit im 19. Jahrhundert

Unlängst bin ich über eine aus heutiger Sicht verstörende Modeerscheinung im viktorianischen England gestoßen. In einem Artikel der BBC wird darüber berichtet, wie die neu aufkommende Fotografie dazu verwendet wurde, beim Tod eines Angehörigen ein letztes Familienportrait anfertigen zu lassen.

Taken from life: The unsettling art of death photography
In Victorian England after-death photographs became a way of commemorating the dead and blunting the sharpness of grief.

Damals - in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Seuchen - von Typhus, über Cholera bis zur Diphtherie und den Masern - allgegenwärtig und mit ihnen der Tod. Auch von Kindern und jungen Erwachsenen. In einer Zeit, als Portraitfotografien für viele Menschen leistbar wurden, aber doch noch zu aufwändig waren, um sie regelmäßig anfertigen zu lassen, waren diese Totenbilder oft das einzige Erinnerungsfoto an ein verstorbenes Kind.

Das Leid mancher Familien muss unermesslich gewesen sein, wie beispielsweise das der dänischen Familie Larsen, die innerhalb von vier Tagen vom 3. bis zum 7.Juli fünf Kinder zwischen zwei und fünfzehn Jahren durch die Diphtherie verlor.

Ob die Familie Larsen arm oder reich war, weiß ich nicht. Die Armen waren aufgrund der Wohnverhältnisse und aufgrund von Mangel- und Unterernährung stärker betroffen, aber auch die Reichen konnten von Infektionskrankheiten hart getroffen werden. Der anglikanische Erzbischof von Canterbury Archibald Tait verlor 1856 innerhalb von zwei Wochen fünf seine sieben Kinder durch Scharlach, das damals in England jährlich rund 10.000 Kindern das Leben kostete.

Dabei war die Kindersterblichkeit - wenn man den von Our World In Data zusammengetragenen Zahlen glauben darf - in Deutschland und Österreich noch um einiges höher als im Großbritannien. Bei uns starben noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts rund 40% der Kinder bevor sie fünf Jahre alt geworden waren. Ab dann ging die Kindersterblichkeit deutlich nach unten auf rund 10% vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. In Österreich gab es 1945 noch einmal einen erschreckenden Anstieg auf 26%, was mir in dieser Höhe nicht bekannt gewesen war. (In Deutschland war es wohl ähnlich, aber da sind offenbar zwischen 1940 und 1960 keine Zahlen verfügbar.) Inzwischen liegt die Kindersterblichkeit in Deutschland und UK bei 0,4%, in Österreich bei 0,3%. Entsprechend stieg die durchschnittliche Lebenserwartung von unter 40 Jahren zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf 81 Jahre in Deutschland und UK bzw. 82 Jahre in Österreich.

Global gesehen sterben immer noch 4,3% aller Kinder, bevor sie die Pubertät erreichen, noch 1950 waren es weltweit 27% und damit mehr als heute im Niger, aktuell mit 15% das Land mit der höchsten Kindersterblichkeit. Ein Blick in die Geschichte der Menschheit zeigt, dass bis zum 20. Jahrhundert fast überall und zu fast jeder Zeit 40-60% aller Kinder vor dem Erreichen der Pubertät tot waren.

Quelle https://ourworldindata.org/child-mortality-in-the-past

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts begannen sich Hygienekonzepte durchzusetzen, die uns heute als selbstverständlich erscheinen. Die Kanalisation und Wasserleitungen wurden gebaut, sodass das Trinkwasser und Exkremente getrennt werden konnten; die Abfallwirtschaft sorgte dafür, dass der Müll nicht mehr auf den Straßen verrottete; gesetzliche und regulatorische Voraussetzungen wurden geschaffen, dass der Verkauf von verdorbenen Nahrungsmitteln bestraft werden konnte; die Wohnverhältnisse besserten sich spätestens im 20. Jahrhundert. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden außerdem mehr und mehr Impfungen entwickelt; 1928 entdeckte Alexander Fleming das Penicillin, womit der Siegeszug der Antibiotika begann. Nicht zuletzt sorgte natürlich auch die bessere Ernährungslage dafür, dass wir widerstandsfähiger gegen Infektionen wurden.

All diese Fortschritte sorgen dafür, dass wir heute - zumindest in Europa - in einer Situation sind, in der wir uns kaum Sorgen machen müssen, ob unsere Kinder das Erwachsenwerden erleben, und dass viele von uns alt genug werden, unsere Enkelkinder und oft sogar Urenkelkinder zu erleben. Eine Riesenfortschritt im Vergleich zu allem, was unsere Vorfahren seit der Urgeschichte erlebt haben.

Das sollte man zumindest meinen.


Die falsch verstandene Hygienehypothese

Während damals, als noch fast die Hälfte aller Kinder starb, jede Infektion als Gefahr gesehen wurde, ist es in den letzten Jahren zu einer schwer nachvollziehbaren Änderungen gekommen. Infektionen werden als natürlich gesehen, was ja im Grunde nicht falsch ist. Aber dieses Natürlich wird als bedingungslos gut angesehen. Infektionen seien wichtig für das Wohlergehen der Kinder.

Die natürliche Infektion als Gegenbewegung in der Pandemie

Mit der COVID-19-Pandemie verbreitet sich der Glaube, Masken und Lockdowns hätten dazu geführt, dass unser Immunsystem durch den mangelnden Kontakt mit Erregern geschwächt wäre. Auf Kinder träfe das besonders zu. Die simple Vorstellung ist, dass unser Immunsystem den ständigen Kontakt mit Bakterien und Viren brauche, damit wir gesund bleiben. Das höre ich auch erstaunlich oft aus der medizinischen Kollegenschaft. Nur wer regelmäßig krank ist, bleibt gesund?

Screenshot eines Tweets von Christian Drosten.

Wenige treiben es so weit wie der aktuelle US-Gesundheitsminister, der meint, dass eine Masern-Infektion der beste Schutz vor einer Masern-Infektion sei. Weil er ein Anti-Vaxxer ist, fügt er natürlich noch hinzu, dass die Impfungen eine Gefahr wären, weil sie die "natürliche Infektion" verhindern. Und damit wären sie schuld an den Infektionen von Babys.

RFK Jr: "It used to be that everybody got measles. And the measles gave you lifetime protection against measles infection. The vaccine doesn't do that ... it used to be that very young kids were protected by breast milk. Women who get vaccinated do not provide that level of immunity."

Aaron Rupar (@atrupar.com) 2025-03-12T01:41:30.330Z
Kurzer Einschub: Die Masern sind noch immer die durch Impfung verhinderbare Infektionskrankheit mit den meisten weltweiten Todesopfern. Rund 100.000 sterben jährlich an den Masern, der überwiegende Teil sind Kinder. Dazu kommen eine Reihe an schweren mittel- und langfristigen Komplikationen, und nicht zuletzt führen die Masern zu einer lange anhaltenden Schwächung des Immunsystems. Mehr dazu habe ich in diesem Artikel geschrieben:
Masern
Die Rückkehr der Masern nach Europa und das wichtigste zur Masernimpfung.

Die Hygienehypothese und was von ihr übrig bleibt

Zurück zur Verhinderung von Krankheiten durch Kontakt mit Erregern: Im Grunde fußt dieser Glaube auf die Hygienehypothese aus den 1980er Jahren. Damals zeigten sich erste Hinweise, dass eine keimarme Umgebung zu einem vermehrten Auftreten von Allergien und Autoimmunerkrankungen führt. Kinder, die auf Bauernhöfen leben, haben weniger Allergien. Auch in vielen der sogenannten Entwicklungsländer gibt es weniger allergische Krankheiten, während sich das bei den Nachkommen von Migranten rasch an die Bevölkerung des Ziellandes angleicht. Die Hypothese war, dass dies auf fehlende Infektionen in der Kindheit zurückzuführen wäre.

Inzwischen wissen wir, dass es nicht ganz so einfach ist, wie die Umweltmedizinerin Marsha Wills-Karp im Gespräch mit der Epidemiologin Caitlin Rivers im folgenden Artikel erklärt:

Is the Hygiene Hypothesis True? | Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health
The hygiene hypothesis says exposure to germs helps kids develop healthy immune systems. But many viruses didn’t circulate as widely during the pandemic. Are there downsides to missed infections?

Nicht die ach so gesunden Infektionen führen zu weniger Allergien, sondern die für unsere Gesundheit förderlichen Bakterien des Darmes und der Haut: das Mikrobiom, oft auch Haut- und Darmflora genannt. Sehr vereinfacht gesagt sind das Keime, die wir alle symbiotisch auf und in uns tragen, und die für unsere Gesundheit, ja sogar für unser Überleben unerlässlich sind.

Wenn dieses Mikrobiom durch ein Aufwachsen in einer keimarmen Umgebung in der Kindheit mangelhaft ausgebildet wird, kann das später offenbar zu den Folgeerkrankungen führen. Dazu tragen viele Faktoren bei - von der Übertragung des mütterlichen Mikrobioms bei der Geburt und beim Stillen über eine für die Darmbakterien förderliche ballaststoffreiche Ernährung bis zum Kontakt mit Tieren.

Marsha Wills-Karp:

"Wir haben auch festgestellt, dass Menschen, die auf landwirtschaftlichen Betrieben leben, weniger von diesen Krankheiten (Anm: Allergien, Autoimmunkrankheiten) haben, weil sie – in Ermangelung eines besseren Begriffs – dem Kotmaterial von Tieren ausgesetzt sind. Und was wir herausgefunden haben, ist, dass es an diesen kommensalen Bakterien liegt. Das ist eine der Komponenten, die uns helfen, ein gesundes Immunsystem zu erhalten."

Viren machen uns nicht gesund, sondern krank

Viren spielen beim Aufbau des Mikrobioms kaum eine Rolle. Es gibt keinen Hinweis, dass die ganzen Virusinfektionen vom gewöhnlichen Schnupfen über die Influenza bis zu COVID-19 oder den Masern unserem Körper irgendetwas Gutes tun würden. Im Gegenteil.

Marsha Wills-Karp:

"Fast kein Virus schützt vor allergischen Erkrankungen oder anderen Immunerkrankungen. Tatsächlich tragen Infektionen mit Viren meist entweder zur Entstehung dieser Krankheiten bei oder verschlimmern sie."

Tatsächlich gibt es zahlreiche Erkrankungen, bei denen ein Zusammenhang mit vorangegangenen Virusinfektionen zumindest diskutiert wird. Eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) erhöht das Risiko für verschiedene Formen von Lymphdrüsenkrebs. Das humane Papillomavirus (HPV) ist der Auslöser fast aller Fälle von Gebärmutterhalskrebs. Hepatitis B-Viren können zum Leberkrebs führen.

Nach allem, was wir wissen, führt weiters nicht etwa das Fehlen von Infektionen zu Autoimmunerkrankungen. Sie werden im Gegenteil durch Virusinfektionen sogar getriggert. Die enge Assoziation von EBV mit multipler Sklerose sorgte vor drei Jahren für einige Aufregung ("Longitudinal analysis reveals high prevalence of Epstein-Barr virus associated with multiple sclerosis"). Auch bei anderen Autoimmunerkrankungen gibt es klare Korrelationen mit Infektionen. Beispielsweise führt eine Infektion mit SARS-CoV-2 zu einem erhöhten Risiko des Auftretens einer Reihe von Autoimmunerkrankungen, laut einer im September 2023 publizierten Studie um das eineinhalb- bis zweifache ("Risk of autoimmune diseases following COVID-19 and the potential protective effect from vaccination: a population-based cohort study").

Auch beim Diabetes mellitus Typ 1 (dem "Jugenddiabetes") gibt es zahlreiche Hinweise auf verschiedene Virusinfektionen als Risikofaktoren. Nicht zuletzt haben Kinder und Jugendliche nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 ein rund doppelt so hohes Risiko, an Diabetes zu erkranken. Mehr dazu hier:

Neues zu COVID-19 und Zucker
Substack-Artikel vom 23.05.2023: COVID-19 und das erhöhte Risiko von Diabetes mellitus Typ 1 bei Kindern :: Neuer Mechanismus für die manchmal sehr hohen Zuckerwerte bei Personen mit COVID-19 In den letzten Tagen sind zwei neue Studien publiziert worden, die mit COVID-19 und Diabetes zu tun haben. Sie behandeln zwei

Eine spannende dänische Studie, die vor wenigen Wochen in einem JAMA-Journal publiziert wurde, untersuchte die Assoziation häufiger Infektionen im Säuglings- und Kleinkindesalter mit späteren Infektionen ("Burden of Infections in Early Life and Risk of Infections and Systemic Antibiotics"). 614 Kinder wurden nach ihrer Geburt 2008 bis 2010 in die Studie eingeschlossen. Es wurde erhoben, wie oft sie bis zum Alter von drei Jahren Verkühlungen, Durchfallserkrankungen, Mittelohrentzündungen etc. hatten. Dann wurde geschaut, wie oft die Kinder von diesem Zeitpunkt an bis zu einem Alter von 10-13 Jahren mittelschwere bis schwere Infektionen erlitten und wie oft ihnen Antibiotika verschrieben wurden.

Die Kinder mit mehr Infektionen in der frühen Kindheit hatten signifikant mehr schwerere Infektionen in der späteren Kindheit. Beim Viertel mit den meisten Infektionen bis zum Alter von drei Jahren waren es dreimal so viele schwerere Infektionen im Vergleich zu den Kindern mit den wenigsten Infektionen und sie benötigten um 59% häufiger Antibiotika.

Wohlgemerkt handelte es sich in dieser Studie ausschließlich um Kinder ohne wesentliche Vor- oder Begleiterkrankungen, man würde sie also als "gesunde Kinder" bezeichnen. Weiters gab es sozioökonomisch, beim Alter des Eintritts in eine Kinderbetreuungsstätte etc. keine signifikanten Unterschiede. Auch wenn diese Studie nur eine Korrelation und keine Kausalität zwischen den frühen und den späteren Infektionen zeigen kann, scheint der direkte Zusammenhang doch sehr naheliegend.


Zusammenfassend sind es nicht die Krankheitserreger, die uns gesund halten, sondern die "guten Keime" des Mikrobioms. Infektionen sind auch in der modernen Welt nicht gut für die Kinder. Und für Erwachsene auch nicht. Sie machen uns akut krank, und selbst wenn man die Akuterkrankung schadlos überstanden hat, können sie schwere Folgekrankheiten auslösen.

In der Moderne haben wir im Vergleich zu praktisch der gesamten Menschheitsgeschichte unglaubliche Fortschritte dabei gemacht, nicht in der Kindheit zu sterben. Ja, diesen Fortschritt bezahlen wir damit, dass Heuschnupfen häufiger vorkommt als je zuvor. Auf diesem Feld hat die Medizin noch was zu tun.

Die gute alte Zeit, von der RFK jr und viele andere träumen, als durch natürliche Infektionen gestärkte Kinder ein weit gesünderes Leben als heutzutage führen konnten, hat es in Wirklichkeit nie gegeben. Im Gegenteil.