Mitten in der neuesten Welle: Ein Blick auf die Langzeitfolgen von COVID-19

Mitten in der neuesten Welle: Ein Blick auf die Langzeitfolgen von COVID-19

Substack-Artikel vom 24.08.2023:

:: Erste Daten zu gesundheitlichen Problemen und zur Sterblichkeit zwei Jahre nach einer Erkrankung an COVID-19 :: Das erhöhte Risiko für eine Autoimmunerkrankung ::


Die Abwasserdaten zeigen es in Österreich schon länger, seit einigen Tagen merken wir es auch im Spital: Wir befinden uns in einer echten COVID-Welle. Über die dafür verantwortlichen Virusvarianten und - viel interessanter - über die Varianten, die uns noch bevorstehen dürften, werde ich wahrscheinlich demnächst was schreiben. Jetzt möchte ich aber in einer Atmosphäre des Bagatellisierens des Virus einen Blick darauf werfen, was mit vielen von jenen passiert ist, die schon vor über zwei Jahren angesteckt worden sind. Und dann werde ich noch kurz eine neue Studie zu COVID-19 und Autoimmunerkrankungen vorstellen.


Die im Abwasser nachgewiesen Virusgenkopien haben sich vom Tiefststand Anfang Juli bereits vervierfacht. Und sie steigen weiterhin steil an. Die Grafiken des Abwassermonitorings zeigen es deutlich:

Die Abwasserdaten für Österreich und Wien seit Jänner 2022 und der Auschnitt der letzten Monate

Im Spital merken wir inzwischen die Zunahme der COVID-19-Kranken ebenfalls deutlich - gemeinsam mit den vielen Hitzeopfern ergibt das schon wieder eine ziemliche Belastung für die Bettensituation.

Zahlen zu den Hospitalisierungen gibt es keine. Seit 1.7.23 ist COVID-19 nicht mehr meldepflichtig, die Zahl der COVID-Kranken in den Spitälern wird also einfach nicht mehr erhoben. Wir sind hier im Blindflug unterwegs. Möglicherweise ist das der Politik gar nicht so unrecht. Immerhin kann es jetzt eigentlich keine Diskussion um wegen oder mit COVID-19 im Spital mehr geben. Per Weisung erfolgt kein Screening mehr, nur mehr Patient:innen mit entsprechender Symptomatik sollen auf SARS-CoV-2 getestet werden. Das in den letzten drei Jahren über die präsymptomatische und die asymptomatische Übertragung gelernte gilt jetzt offenbar nicht mehr.


Wenn wir schon nur mehr so ungefähr wissen, wie die aktuelle Infektionslage ausschaut, können wir wenigstens auf neue Daten zu den Langzeitfolgen von COVID-19 schauen. Dass eine Erkrankung an COVID-19 neben dem Risiko für Long Coivd auch zu einem erhöhten Risiko für eine Reihe an anderen Folgeerkrankungen - von Herzinfarkt und Schlaganfall bis zu Autoimmunkrankheiten - führt, ist schon länger bekannt und wurde auch in diesem Blog schon besprochen.

Jüngst sind die ersten Studien erschienen, in denen angeschaut wurde, wie es zwei Jahre nach einer Erkrankung an COVID-19 um die Gesundheit der Betroffenen im Vergleich zu damals nicht infizierten Personen bestellt ist. Erhoben wurde dies anhand der schier unerschöpflichen Datensätze der US-Veteranen. Das hat den Nachteil, dass die Daten weit überproportional Männer ab 60 betreffen, aber mit nimmt was man kriegt.

Zwei Jahre nach COVID-19 zeigt sich eine erhebliche Belastung durch Gesundheitsschäden

In der Fachzeitschrift Nature erschien eine Studie, bei der bei 138.818 zwischen 1.März und 31.Dezember 2020 an COVID-19 erkrankten Veteranen im Vergleich zu 5.985.227 damals nicht infizierten Vergleichspersonen die Folgekrankheiten und die gesundheitlichen Einschränkung erhoben wurden.

Relativ zu nicht an COVID-19 erkrankten Personen litten immer noch fast 10% an PASC (= post akute Folgen von COVID, ein Begriff der alle Folgen von COVID-19 inkl. Long Covid zusammenfasst). Die damals mit COVID-19 hospitalisierten Personen waren erwartungsgemäß deutlich schwerer betroffen - bei ihnen litten zwei Jahre nach der Infektion immer noch über 30% an den Folgen, bei den Personen mit leichterem Verlauf waren es immerhin noch 7,1%. Am häufigsten waren psychische und psychiatrische Folgen, Erkrankungen des Verdauungstraktes und des Nervensystems. Dies schlug sich auch bei den DALY (disability-adjusted life years), also beim Verlust an gesunden Lebensjahren nieder. (Im Konzept der DALY wird versucht, statistisch neben der Sterblichkeit auch den Grad der gesundheitlichen Einschränkung und der Behinderung zu berechnen. Wer beispielsweise nach einem großen Schlaganfall bettlägrig und pflegebedürftig wird, hat zwar überlebt, aber einen massiven Verlust der DALY erlitten.)

figure 3
a, Kumulative Inzidenz definiert als mindestens eine Folgeerkrankung in diesem Organsystem; b, kumulative DALYs durch Folgeerkrankungen in einem Organsystem. Dargestellt für COVID-19 insgesamt (n = 138.818) und nach Versorgungssituation in der akuten Phase der Erkrankung (ambulant (n = 118.238) und stationär (n = 20.580)) zwei Jahre nach der Infektion. Die Mitte der horizontalen Balken gibt die Höhe der Inzidenz oder der DALY pro 1.000 Personen 2 Jahre nach der Infektion an und ist numerisch gekennzeichnet. Jede Grafik ist in absteigender Reihenfolge angeordnet. Die Fehlerbalken stellen 95% Konfidenzintervalle dar.

Der Großteil der Ereignisse, die zum Verlust der DALY führte, trat erwartungsgemäß im ersten Jahr nach der Infektion auf. Aber doch rund ein Viertel trat erst im zweiten Jahr auf - und das finde ich doch überraschend und schockierend.

Fig. 4
a, Prozentsatz der kumulativen DALYs nach 2 Jahren aus dem ersten und zweiten Jahr nach der Infektion; b, kumulative DALYs pro 1.000 Personen im ersten und zweiten Jahr nach der Infektion. Dargestellt für nicht hospitalisierte COVID-19 (n = 118.238), hospitalisierte COVID-19 (n = 20.580) und COVID-19 insgesamt (n = 138.818) im Vergleich zur Kontrollgruppe (n = 5.985.227).

Sicherheitshalber möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass es sich um den Vergleich mit Personen ohne COVID-19 handelt. Das heißt, die Folgen traten zusätzlich zu den statistisch auch ohne COVID-19 zu erwartenden Erkrankungen auf. “Wären ja so oder so erkrankt” gilt hier nicht.

Nach COVID-19 besteht über einen Zeitraum von mindestens 2 Jahren ein erhöhtes Sterberisiko

Bereits im März dieses Jahres erschien eine Studie, in der anhand einer großen Versicherungsdatenbank gezeigt wurde, dass Personen nach COVID-19 im Vergleich zu nicht infizierten ab einem Monat (also nach der Akutphase) bis ein Jahr nach der Infektion ein höheres Risiko zu sterben haben:

Twelve-Month Mortality Among Individuals With Post–COVID-19 Condition vs Those Without COVID-19
Die 12-Monats-Sterblichkeit war bei Personen nach COVID-19 wesentlich höher als bei den entsprechenden Kontrollpersonen ohne COVID-19.

Nun erschien in der großen Fachzeitschrift JAMA ein Artikel, in dem berichtet wurde, wie sich die Sterblichkeit über einen Zeitraum von 2 Jahren entwickelt. Auch diese Studie wurde bei US-Veteranen erhoben, also überwiegend Männer, mehrheitlich über 60. Die Infektion trat zwischen März 2020 und April 2021 auf.

Jene Betroffenen, die wegen COVID-19 im Spital behandelt werden mussten, hatten über die zwei Jahre ein mehr als 4fach höheres relatives Sterberisiko als vergleichbare Personen ohne Infektion. Die milder erkrankten Personen hatten immerhin ein um 11% erhöhtes Risiko. Schaut man das Risiko im Zeitverlauf an, ist das Sterberisiko bei den schwer Erkrankten in allen Perioden erhöht. Bei den leichter erkrankten Personen schaut es nach einem geringeren Sterberisiko ab 91 Tage nach der Infektion aus. Das ist ein statistischer Effekt, der wohl darauf zurückzuführen ist, dass die vulnerabelsten in der ersten Periode nach der Infektion sterben, sodass in den späteren Perioden die weniger vulnerablen Personen quasi selektioniert wurden. Insgesamt ist das Sterberisiko aber eben auch bei ihnen signifikant erhöht.

Association of COVID-19-Infection With Subsequent Death, Subanalyzed by Whether the Veteran With COVID-19 Was Acutely Hospitalizeda
Zusammenhang zwischen COVID-19-Infektion und späterem Tod, unterteilt danach, ob der Veteran mit COVID-19 akut hospitalisiert war

COVID-19 erhöht das Risiko, eine Autoimmunerkrankung zu kriegen. Impfungen nehmen einen Teil des Risikos weg.

Eine weitere interessante Studie erschien vor wenigen Tagen im Lancet. Hier wurde anhand von Daten aus Hongkong geschaut, wie sehr COVID-19 das Risiko beeinflusst, in der Folge von einer Autoimmunerkrankung betroffen zu werden. Erhoben wurden Daten von über einer Million Personen mit COVID-19 relativ im Vergleich zu einer Gruppe von über drei Millionen Personen ohne COVID-19.

COVID-19 erhöhte bei den meisten der Autoimmunerkrankungen das Risiko um das Eineinhalb- bis Zweieinhalbfache. Das betraf insbesondere alle häufigeren Krankheiten, bei denen leichter eine statistische Signifikanz erreicht wird als bei den besonders seltenen Erkrankungen mit nur ganz wenigen Fällen in beiden Gruppen. Insbesondere bei mehreren Formen von Gelenksentzündungen aus dem rheumatologischen Formenkreis, der autoimmun bedingten Schilddrüsenüberfunktion (“Graves’ disease” = Morbus Basedow) sowie dem zu Thrombosen führenden Anti-Phospholipid-Syndrom war das Ergebnis sehr eindeutig. Auch die Multiple Sklerose trat signifikant häufiger auf.

Auswirkung von COVID-19 auf das Risiko neu diagnostizierter Autoimmunerkrankungen (COVID versus nicht COVID). Hazard Ratio (HR) > 1 (oder <1) bedeutet, dass Patienten mit COVID-19 ein höheres (niedrigeres) Risiko für neu diagnostizierte Autoimmunerkrankungen hatten als die Kontrollkohorte ohne COVID-19. Die Fehlerbalken geben die 95 %-KI der jeweiligen HR an.

Insgesamt war das Risiko nicht ganz so groß wie in früheren, ähnlichen Studien aus den USA. Der Hauptunterschied: In der hier präsentierten Studie waren viele der Personen bereits geimpft. Um den Effekt der Impfung auf das Risiko von Autoimmunerkrankungen abzuschätzen, erhob die HongKonger Gruppe bei den an COVID-19 Erkrankten das Risiko der Geimpften im Vergleich zu den Ungeimpften. Bei aller statistischen Unschärfe hatten die trotz Impfung an COVID-19 erkrankten Personen ein um etwa ein Drittel verringertes Risiko im Vergleich zu ungeimpften.


Zusammenfassung

Drei Studien zu den Folgen von COVID-19. Einmal die auch noch nach zwei Jahren bestehenden bzw. bis dahin auftretenden Folgekrankheiten und der Verlust an gesunden Lebensjahren. Einmal die reduzierte Lebenserwartung. Einmal das erhöhte Risiko einer Autoimmunerkrankung.

In den beiden ersten Studien handelt es sich wie gesagt um US-Veterans, also vor allem Männer über 60 und damit eine Bevölkerungsgruppe, die per se eher zu den Hochrisikopersonen gehört. Bei Personen ohne besonderes Risikoprofil ist statistisch gesehen seltener eine schwere Folgekrankheit zu erwarten, aber wenn sie doch auftritt sind die Auswirkungen auf die DALY, auf die gesunden Lebensjahre, umso dramatischer. Die große - gerne übersehene Menge - der an ME/CFS, der schweren Form von Long Covid, Erkrankten weiß, was das bedeutet. Hier fehlen Zweijahresdaten noch völlig.

Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Impfungen. Die Personen in den beiden Studien bei den US-Veteranen steckten sich allesamt an, noch bevor die Impfungen auf den Markt kamen. Durch Impfungen sind schwere Verläufe deutlich seltener, das ist hinreichend bewiesen. Und weniger schwere Verläufe bedeutet auch weniger Folgeschäden. Auch die Wahrscheinlichkeit, an Long Covid zu erkranken, wird durch die Impfungen reduziert. In diesem Blog habe ich schon etwas dazu geschrieben.

In der Hongkonger Studie zu den Autoimmunerkrankungen wurde genau das angeschaut, und es zeigte sich, dass Impfungen das erhöhte Risiko etwas vermindern können. Aber eben nur “etwas”, nämlich um etwa ein Drittel. Das Restrisiko bleibt beträchtlich

Auch in Zeiten, in denen von Personal und Besuchern selbst in Spitälern und Pflegeeinrichtungen kaum noch Masken getragen werden, möchte ich daran erinnern, dass Masken schützen, wenn man sie trägt, und dass es eine gute Idee ist, sich die hoffentlich bald verfügbare upgedatete Boosterimpfung geben zu lassen.