COVID-19 und die schlechten Ergebnisse beim PISA-Test
Hypothese: COVID-19 könnte für die kognitive Verschlechterung der Kinder und Jugendlichen mitverantwortlich sein.
- Smartphones und soziale Medien werden für das schlechte Abschneiden beim PISA-Test hauptverantwortlich gemacht.
- Dass wir seit 2020 mit einem neuen Virus konfrontiert sind, das erwiesenermaßen das Gehirn von Heranwachsenden schädigen kann, wird kaum beachtet.
Die Ergebnisse der PISA-Studie 2025, in der die Kompetenzen der 15-Jährigen in Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik erhoben wurden, sind eindeutig und sorgten für entsprechende Aufregung. Während sie im Vergleich zu den früheren Erhebungen bei den naturwissenschaftlichen Fähigkeiten einigermaßen stabil blieben, gingen sie bei der Mathematik und v.a. bei den Lesekompetenzen deutlich zurück. Und zwar weltweit.
Im zeitlichen Verlauf blieben die Werte bis 2018 mehr oder weniger stabil, fielen aber 2022 deutlich ab, was sich 2025 fortsetzte.

Laut dem Bericht der OECD haben die Jugendlichen insbesondere bei Aufgaben, die Konzentration und Durchhaltevermögen verlangen, vermehrt Probleme - etwa dem Lesen und Verstehen längerer Texte. In der Medienberichterstattung scheint klar, was daran schuld sein soll: Handys, soziale Medien, KI-Nutzung.
Es scheint naheliegend zu sein, dass die übermäßige Nutzung von sozialen Medien mit süchtig machenden und zum Doomscrolling einladenden Algorithmen nicht gut für Kinder (und auch für Erwachsene!) ist. Genauso wenig wie das Verlernen des selbstständigen Lösens von Aufgaben, weil man das eh von ChatGPT erledigen lassen kann, oder wenn man statt zu lesen, nur mehr durch Kurz- und Kürzestnachrichten durchklickt.
Ob und wie sehr TikTok, Instagram & Co. schuld an der Verschlechterung der Kompetenzen der Jugendlichen sind, soll aber nicht das Thema dieses Artikels sein. Das ist ein Thema für Bildungswissenschaft und Pädagogik. Ich frage mich viel mehr, ob nicht auch andere Faktoren dazu beitragen könnten.
Kinder und die kognitiven Auswirkungen von COVID-19
Zwischen der vorvorletzten PISA-Erhebung 2018 und der aktuellen von 2025 passierte etwas. Es ist schon ziemlich erstaunlich, dass kaum wer auf den Gedanken kommt, dass möglicherweise auch die Langzeitfolgen von COVID-19 einen Einfluss auf die kognitiven Kompetenzen der Jugendlichen haben könnten. Auch ich kam selbst nicht sofort auf den Gedanken und stieß erst durch Ruth Ann Crystal und einen ihrer sehr informativen wöchentlichen Newsletter auf diese Hypothese.
Aber schauen wir uns doch einmal ein paar Studien an, die die Folgen von COVID-19 für das Gehirn - speziell bei Kindern und Jugendlichen - haben.
COVID-19 und das kindliche Gehirn
Das fängt an mit strukturellen Veränderungen im Gehirn von Heranwachsenden. Da wäre etwa eine chinesische Studie, bei der mittels Magnetresonanzuntersuchungen die Gehirne von Kindern im Vorschulalter untersucht wurden („Multimodal MRI analysis of COVID-19 effects on pediatric brain“). Im Vergleich zu einer Vergleichsgruppe ohne COVID-19 wiesen Kinder nach einer Infektion mehrere strukturelle Veränderungen der Hirnrinde auf, die die Forschenden auf (subklinische) Entzündungen zurückführten. Wohlgemerkt hatten alle untersuchten Kinder einen milden Krankheitsverlauf gehabt und galten zum Zeitpunkt der Untersuchung als vollständig geheilt.
Diese sichtbaren, durch COVID-19 hervorgerufene Veränderungen bei gesunden Kindern dürften aber eher die Spitze des Eisbergs sein. Die meisten Veränderungen dürften auf einer zellulären Ebene geschehen und sind für herkömmliche Untersuchungen nicht sichtbar. Bereits in einem Übersichtsartikel von 2023 wurden mehrere Wege beschrieben, wie SARS-CoV-2 in das Gehirn eindringen und dort zu Schäden führen kann.

Dass das geschehen kann, ist nicht wirklich überraschend. Die Nasenhöhle und auch die Augen sind anatomisch und funktionell eng mit dem Gehirn verbunden. Infektionen der Lungen als große, immunologisch sehr aktive Organe betreffen den ganzen Körper. So bekommt die Infektion direkten und indirekten Einfluss auf Gehirn und Gedächtnis:

Die Autoren wiesen in dieser Übersichtsarbeit explizit auf die Folgen für Kinder hin:
"Kinder im Alter von unter 10–12 Jahren befinden sich in den wichtigsten Entwicklungsphasen des Gehirns, was bedeutet, dass die Auswirkungen einer Virusinfektion auf das Gehirn von Kindern besonders schwerwiegend sein können."
Dafür, dass diese Veränderungen bei Kindern nicht nur Spekulation sind, gibt es eine Reihe von Untersuchungen und Studien.
Bereits 2021, als COVID-19 von Behörden aber auch von vielen Ärzt:innen inklusive Kinderärztinnen als grundsätzliche harmlos für Kinder klassifiziert wurde, wiesen Danilo Buonsenso und Kolleg:innen auf die potenziellen neuropsychologischen Langzeitfolgen bei Kindern mit Long Covid hin („Clinical Characteristics, Activity Levels and Mental Health Problems in Children with Long Coronavirus Disease: A Survey of 510 Children“).
Diese Langzeitfolgen traten freilich nicht nur in der frühen Phase der Pandemie auf. Eine internationale Arbeitsgruppe untersuchte die Folgen einer Infektion mit einem Virus der Omikron-Varianten („Prevalence and co-occurrence of cognitive impairment in children and young people up to 12-months post infection with SARS-CoV-2 (Omicron variant)“). Nach 12 Monaten wiesen 7% der mittels Onlinetests untersuchten Kinder und Jugendlichen signifikante kognitive Einschränkungen auf.
In einer ganz aktuellen, im Juli 2026 publizierten Studie aus Pennsylvania wurden 651 Kinder und Jugendliche untersucht, die innerhalb eines halben Jahres nach COVID-19 aus Kontakt mit dem Gesundheitssystem hatten („Functional outcomes of children after SARS-CoV-2 infection: An EHR-based cohort study“). 139 von ihnen (21 %) wiesen funktionelle Einschränkungen auf, am häufigsten Konzentrations- und Gedächtnisprobleme. Nur bei 59 dieser Kinder gab es eine Diagnose von Long Covid.
Die obigen Studien waren eher klein und hatten eine nicht repräsentative Studienpopulation. Ganz anders ist das bei einer Studie aus den USA, die 2025 publiziert wurde. Hier wurden anhand der Daten der RECOVER-Initiative neuropsychiatrische COVID-Folgen bei über 300.000 Kindern und Jugendlichen nach COVID-19 mit einer Kontrollgruppe von fast 900.000 Kindern ohne COVID-19 verglichen.

Im Vergleich zur Kontrollgruppe traten innerhalb eines halben Jahres nach der Infektion vor allem in der Gruppe der Kinder im Alter von 5 bis 11 Jahren signifikant häufiger neurologische Entwicklungsstörungen auf. Störungen bei der Kommunikation waren um 38% häufiger. In der Gruppe der 12-20-Jährigen war dies ebenfalls zu sehen, wenn auch in einem etwas geringeren Ausmaß. Hier war insbesondere ADHS deutlich häufiger (33%), intellektuelle Einschränkungen waren immerhin um 9% häufiger.


Risiko für eine Reihe von neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen bei Kindern von 5 bis 11 Jahren und bei Jugendlichen von 12 bis 20 Jahren innerhalb eines halben Jahres nach COVID-19. (Heraushebung der neurokognitiven Erkrankungen durch mich)
Ein zumindest in Nuancen optimistischeres Bild zeichnet eine andere große Studie, in der die neurologische und psychiatrische Folgen bis zu zwei Jahre nach einer SARS-CoV-2-Infektion analysiert wurden, also über einen längeren Zeitraum als in den zuvor vorgestellten Studien („Neurological and psychiatric risk trajectories after SARS-CoV-2 infection: an analysis of 2-year retrospective cohort studies including 1 284 437 patients“). Neben über einer Million Erwachsener wurden auch die Daten von fast 200.000 Kindern (bis 18 Jahren) erhoben und mit einer Kontrollgruppe verglichen, die eine andere Atemwegsinfektion erlitten hatten. Ein halbes Jahr nach COVID-19 war auch in dieser Studie das Risiko für ein kognitives Defizit bei den Kindern und Jugendlichen um 20% erhöht.

Nach zwei Jahren war dieser Unterschied bei den Kindern und Jugendlichen nicht mehr festzustellen. Nun waren neuropsychiatrische Erkrankungen nicht mehr häufiger als in der Vergleichsgruppe nach anderen respiratorischen Infekten.

Diese Studie könnte also darauf hindeuten, dass die schweren neuropsychiatrischen Folgen mit der Zeit wieder zurückgehen. In anderen Studien wurde das bisher noch nicht bestätigt.
Also (fast) alles gut? War COVID-19 eine harte Zeit insbesondere für die Heranwachsenden und hatte auch konkrete Folgen für ihre Entwicklung, aber die Zeit heilt nicht nur alle Wunden, sondern auch etwaige Schäden der kognitiven Fähigkeiten bis Kindern?
Das wäre vielleicht (abgesehen von den vielen von anhaltendem Long Covid betroffenen Kinder) so, wenn es keine Reinfektionen gäbe. Aber spätestens seit Omikron erleben wir wiederkehrende COVID-Wellen, die zwar in ihren akuten Folgen nicht mit den frühen Wellen vergleichbar sind, aber das kumulative Risiko für Long Covid und andere Folgekrankheiten deutlich erhöhen.

Wenn die klinisch relevanten Langzeitfolgen - also Long Covid - nach jeder Reinfektion zunehmen, dürfen wir annehmen, dass dies auch auf die subklinischen Folgen zutrifft. Also auf geringeren Einschränkungen, die den Betroffenen gar nicht unbedingt selbst auffallen. Die leichte Müdigkeit, die etwas zugenommene Vergesslichkeit, das etwas schlechtere Abschneiden bei kognitiven Tests.
COVID-19 und die PISA-Tests
All das oben geschriebene kann allenfalls einen oberflächlichen Überblick darüber geben, wie COVID-19 das Gehirn der Kinder und Jugendlichen schädigen kann. Hinweise dafür gab es schon wenige Monate nach dem Beginn der Pandemie. Seither wurden diese Hinweise bestätigt, das Wissen hat sich vertieft.
Dass angesichts der PISA-Ergebnisse nicht einmal in Erwägung gezogen wird, dass COVID-19 ein Grund für die Verschlechterung der Resultate sein könnte, passt gut zum Umgang mit den Kindern in der Pandemie. Solange das offizielle Ziel war, „die Vulnerablen“ und das Gesundheitssystem zu schützen, rissen wir die Kinder aus ihrem sozialen Umfeld und den Schulen (davon, dass dieser Schritt damals alternativlos war, bin ich nach wie vor überzeugt). Als alle, die das wollten, geimpft waren, schickten wir die Kinder zurück in die Schulen, wo sie mehr oder weniger schutzlos mehreren Infektionswellen ausgesetzt waren. Obwohl die potenziellen Folgen damals schon bekannt waren - wenn auch nicht immer im Detail.
Ob und wie sehr diese Folgen zum deutlichen Abfall der Scores in den PISA-Tests beigetragen haben, kann und will ich nicht beurteilen. Ich bin Mediziner - Kliniker - mit einem Interesse für COVID und die Folgen, kein Neurowissenschaftler und kein Bildungswissenschaftler. Mag sein, dass tatsächlich Smartphones und TikTok alleine dafür verantwortlich sind. Aber ganz außer Acht lassen sollten wir die größte Pandemie seit der Spanischen Grippe meiner Meinung nach auch nicht. Mit einem Virus, von dem wir wissen, dass es das Gehirn schädigen kann.
Nicht nur PISA zeigt eine Verschlechterung der kognitiven Fähigkeiten seit dem Beginn der Pandemie
In Norwegen schaute sich der Statistiker Richard Aubrey White vom Norwegischen Institut für Öffentliche Gesundheit (NIPH) die Meldungen der Hausärzt:innen genauer an und stellte fest, dass die Zahl der Fälle von Gedächtnisstörungen bei Kindern von 5 bis 14 Jahren von 2019 bis 2024 um das Dreifache gestiegen sind.

Bei uns war das keine Meldung wert, in Norwegen berichtete der öffentlich-rechtliche Rundfunk NRK:

Auch in diesem Artikel wird auf Smartphone, Social Media und TikTok verwiesen. Aber wir erfahren auch von einem Zusammenhang mit COVID. Richard Audrey White:
"Drei bis sechs Monate nach den Covid-Wellen beobachten wir einen Anstieg der Hausarztbesuche wegen Gedächtnisstörungen. Das gibt Anlass zur Sorge, dass Spätfolgen von Covid-19 eine wesentliche Rolle spielen." (Anm.: aus dem Norwegischen übersetzt mit Deepl)
Für den Artikel wurde auch einer der profiliertesten Experten auf diesem Gebiet befragt: David Putrino, Neurowissenschaftler an der Mount Sinai School of Medicine in New York und Autor einiger der wichtigsten Publikationen zu Neurocovid. Er berichtet von den oft übersehenen neurologischen Symptomen bei Kindern nach COVID-19:
"Sie kommen oft mit Verdauungsproblemen in unsere Klinik. Wenn wir anfangen, Fragen zu stellen, stellt sich heraus, dass sie auch unter Erschöpfung und Konzentrationsschwierigkeiten leiden." (Anm.: aus dem Norwegischen übersetzt mit Deepl)
Und er verweist darauf, dass Kinder im schulpflichtigen Alter wiederholten Infektionen ausgesetzt sind, weil keine Maßnahmen wie Luftreinigung ergriffen wurden, um die Ausbreitung von Infektionen zu verhindern. Seine Folgerung:
„Wir werden eine Zunahme kognitiver Funktionsstörungen beobachten.“


