Die Wirksamkeit der Herbstimpfung fast sieben Jahre nach Beginn der COVID-Pandemie

Ein Blick auf die Wirksamkeit der letzten beiden Herbstimpfungen.

Die Wirksamkeit der Herbstimpfung fast sieben Jahre nach Beginn der COVID-Pandemie
Photo by CDC / Unsplash
  • Das Abwassermonitoring liefert erste Anzeichen einer COVID-Herbstwelle, die Auslieferung der Herbstimpfungen beginnt.
  • Drei Studien zu den Herbstimpfungen 2024 bzw. 2025 belegen bei Risikopersonen den Nutzen der upgedateten Booster über die Grundimmunisierung hinaus.
  • Wahrscheinlich senken sie auch das Risiko einer Erkrankung an Long Covid weiter. Belastbare Daten dazu sind aber rar.

Laut dem Gesundheitsministerium beginnt nun das Ausrollen der Herbstimpfungen gegen SARS-CoV-2. Das passt zeitlich recht gut, denn nach einer sehr langen Phase kaum nachweisbarer Virenkopien im österreichischen Abwassermonitoring beginnen die Zahlen wieder zu steigen, wobei sie sich weiterhin auf sehr niedrigem Niveau befinden.

Österreichisches SARS-CoV-2-Abwassermonitoring der AGES (Quelle)

Auch auf meiner Station haben wir seit Kurzem den ersten stationären COVID-Patienten seit Monaten. Die Saison ist also auch im Spital eröffnet.

Laut der Impfempfehlung des österreichischen Nationalen Impfgremiums (NIG) wird die Impfung allen Personen ab 12 Jahren empfohlen, die „das Risiko eines möglichen schweren Krankheitsverlaufs reduzieren möchten“.

Impfempfehlung COVID-19, Version 1.0 vom 31.08.2026 - Verfügbarkeit von Comirnaty und Bimervax im Herbst 2026 Die COVID-19-Auffrischungsimpfung wird allen ab dem vollendeten 12. Lebensjahr empfohlen, die das Risiko eines möglichen schweren Krankheitsverlaufs reduzieren möchten. Bevorzugt im Spätsommer/Herbst wird eine einmalige Impfung mit absteigender Priorität empfohlen für: • Personen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf (gelistet unter „Spezielle Indikation“, Impfplan Österreich) sowie alle Personen ab dem vollendeten 60. Lebensjahr • Personal des Gesundheitswesens (wegen des erhöhten Expositionsrisikos) • Alle Personen ab dem vollendeten 12. Lebensjahr
Quelle: Impfempfehlung des Nationalen Impfgremiums vom 313.08.2026 (PDF)

Wie schon in den vergangenen Jahren schaut die Impfempfehlung der Stiko viel restriktiver. Sie ging in Deutschland mit der generellen Altersgrenze noch weiter rauf auf inzwischen 75+. Außerdem wird in Deutschland die Impfung Personen mit einem erhöhten Risiko aufgrund einer Grundkrankheit sowie auch Gesundheitspersonal mit „einem erhöhten tätigkeitsbezogenen Infektionsrisiko für SARS-CoV-2 (z. B. Medizinische Notaufnahme, Intensivstation etc.)“ oder die „Risikopatienten“ betreuen (Patientinnen sind wohl mitgemeint).

Letzten Herbst wurden gegen die Variante LP.8.1 gerichtete Impfstoffe angeboten. Für dieses Jahr empfahl die europäische Arzneimittelbehörde EMA prinzipiell ein Update auf die Variante XFG, wobei aber auch die Verwendung von LP.8.1 weiterhin eine sinnvolle Alternative sei (PDF). Dem schloss sich das Nationale Impfgremium vollinhaltlich an:

Sowohl Impfstoffe gerichtet gegen LP.8.1 als auch Impfstoffe gerichtet gegen XFG können im Herbst 2026 verwendet werden. Die Varianten LP.8.1 und XFG sind aus immunologischer Sicher sehr nahe verwandt, sodass davon ausgegangen werden kann, dass die Schutzwirkung gegen derzeit zirkulierende Varianten in vergleichbarem Ausmaß gegeben ist. Mit Stand Ende August 2026 ist für Kinder Comirnaty XFG 10 Mikrogramm (in 6er- Vials) verfügbar, für Erwachsene Comirnaty LP.8.1 30 Mikrogramm (in 6er-Vials) und Bimervax LP.8.1 (Monodosen). Wenn neue Variantenimpfstoffe verfügbar sind, so wird dies auf impfen.gv.at kommuniziert.
Quelle: Impfempfehlung des Nationalen Impfgremiums vom 31.08.2026 (PDF)

Gründe, sich auch 2026 noch impfen zu lassen

Die grundsätzliche Wirksamkeit der COVID-Impfungen ist hinreichend belegt. Unzählige Studien zeigen, wie sehr sie das Risiko für schwere Verläufe gesenkt haben. Der Effekt war so stark, dass er im Spital mit freiem Auge zu sehen war. Es gab die Zeit vor den Impfungen und die Zeit nach der weitgehenden Durchimpfung, als der Anteil der schweren Verläufe bei den Geimpften stark zurückging. Aber auch das Risiko einer Erkrankung an Long Covid und anderen Folgekrankheiten wie COVID-19 ging deutlich zurück.

Während die Wirksamkeit der Grundimmunisierung nur von ideologischen Impfgegnern in Abrede gestellt wird, schaut das bei den jährlichen Auffrischungsimpfungen anders aus. Denn COVID-19 ist 2026 nicht mehr vergleichbar mit der Situation in den Jahren 2021 oder 2022. Durch frühere Impfungen und auch durch überstandene Erkrankungen ist das Immunsystem viel besser gegen das Virus gewappnet als damals, als wir es noch mit einem vollkommen neuen Erreger zu tun hatten. Entsprechend niedrig ist das Risiko schwerer Verläufe für fast alle von uns inzwischen geworden. Während die Behauptung vieler Maßnahmengegner, dass „nur“ Vulnerable schwer erkranken oder gar sterben würden, damals in der Hochphase der Pandemie einfach falsch war, entspricht sie mittlerweile weitgehend den klinisch zu beobachtenden Tatsachen.

Die Impfempfehlungen nur mehr für Hochrisikogruppen in Deutschland und vielen anderen Ländern widerspiegelt das. Österreich mit seiner liberaleren Empfehlung ist 2026 nicht mehr die Regel, sondern eher die Ausnahme.

Aber warum werden Impfungen - zumindest für Risikogruppen - überhaupt noch empfohlen? Diese Frage wird durch einen Blick auf Daten zu den letzten zwei Herbstimpfungen beantwortet. Dazu erschienen im Juni in JAMA Internal Medicine, einem der Topjournals der American Medical Association, gleichzeitig zwei Studien zur Wirksamkeit der ab Herbst 2024 verabreichten Auffrischungsimpfungen in den USA. Gleichzeitig erschien im JAMA Network Open eine europäische Studie zur Wirksamkeit Herbstimpfung 2025 bei älteren Menschen.


Die Wirksamkeit der Herbstimpfung 2024 in den USA

In einer unter der Leitung der US-Gesundheitsbehörde CDC durchgeführten Studie wurden Daten von über 330.000 Erwachsenen, die von September 2024 und September 2025 wegen des Verdachts auf COVID-19 eine Notfallabteilung aufgesucht hatten, sowie von weiteren knapp 100.000 Personen, die deshalb stationär aufgenommen worden waren. Diejenigen, bei denen sich die Verdachtsdiagnose bestätigt hatte, wurden verglichen mit der Kontrollgruppe, bei denen der COVID-Test negativ war („Estimated Effectiveness of 2024-2025 COVID-19 Vaccines in Adults“).

Die Studie ist nicht frei zugänglich, aber aus dem Abstract erfahren wir doch die wichtigsten Ergebnisse der Studie. Bei Personen mit einem intakten Immunsystem lag die relative Wirksamkeit der Herbstimpfung 2024, eine notfallmedizinische Behandlung wegen COVID-19 zu verhindern, bei 26% (95% CI, 23%-29%), die Wirksamkeit gegen eine stationäre Aufnahme wegen COVID-19 bei 35% und die jene gegen eine kritische Erkrankung bei 41%. Bei den Personen mit einem geschwächten Immunsystem wurde die Wirksamkeit erhoben, eine stationäre Aufnahme zu verhindern, die immerhin bei 24% lag.

Wohlgemerkt beziehen sich all diese Zahlen ausschließlich darauf, ob man die Herbstimpfung erhalten hat. Die Wirksamkeit besteht also zusätzlich zu einem eventuellen Restschutz durch frühere Impfungen oder Infektionen.

In der Studie wurde auch erhoben, wie sich diese (zusätzliche) Impfwirksamkeit mit dem zeitlichen Abstand von der Auffrischungsimpfung änderte. Die Details verbergen sich leider hinter der Bezahlschranke, aber Fachmedien ist zu entnehmen, dass die Wirksamkeit gegen Notfallbehandlungen bei den immunkompetenten Menschen von 38% bei der Impfung innerhalb der letzten 2 Monate auf gerade noch 11% nach mehr als 6 Monaten sank. Bei immunkompromittierten Personen war 6 Monate nach der Impfung kein signifikanter Schutz gegen stationäre Aufnahmen mehr zu sehen.

Der Schutz der Herbstimpfung 2024 gegen schwere Herz-Gefäß-Erkrankungen

In der zweiten in JAMA Internal Medicine publizierten Studie untersuchte eine Arbeitsgruppe den Einfluss der COVID-Impfung auf schwere kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt, Schlaganfall, akute Herzschwäche oder plötzlichen Herzstillstand. Dazu schauten sie sich die Gesundheitsdaten von über einer Million US-Veteranen an, also großteils ältere Männer („2024-2025 COVID-19 Vaccine and Major Adverse Cardiovascular Events Among US Veterans“). Die Veteranen hatten alle im Herbst 2024 die Grippeimpfung erhalten. 349.085 von ihnen wurden zusätzlich mit der COVID-Impfung versorgt, 690.574 nur mit der Impfung gegen die Influenza.

In dieser Personengruppe von großteils älteren Männern mit einem generell erhöhten Risiko für akute Herz- und Gefäßerkrankungen traten in den 8 Monaten nach der Impfung bei den auch mit der COVID-Herbstimpfung 2024 versorgten Personen signifikant weniger mit COVID-19 verbundene schwere Ereignisse auf. Das betraf v.a. den plötzlichen Herztod, in geringerem Ausmaß auch Herzinfarkte, während der Unterschied bei Schlaganfällen keine statistische Signifikanz erreichte. Die relative Wirksamkeit der Impfung betrug 37,7%, wobei die Wirksamkeit in absoluten Zahlen bei einem Risiko von 3,37 Fällen pro 10.000 bei den Geimpften im Vergleich zu 5,43 Fällen pro 10.000 bei den Nichtgeimpften lag.

In einer Subgruppenanalyse war der relative Schutz erwartungsgemäß am größten bei den Personen mit dem höchsten Risiko. In allen drei Altersgruppen (<65J, 65-75J, <75J) schnitten die COVID-Geimpften besser ab, statistisch signifikant war der Schutz aber nur bei der Hochrisikogruppe der über 75-Jährigen.

Die Wirksamkeit der Herbstimpfung 2025 bei älteren Menschen

In den meisten europäischen Ländern wurde die Impfung spätestens im Herbst 2025 nur mehr Personen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Verlauf empfohlen, also Personen mit bestimmten Vorerkrankungen und älteren Menschen. Für die Studie „COVID-19 Vaccine Effectiveness Among Older Adults“ nahmen ausgewählte hausärztliche Ordinationen und Primärversorgungszentren in Frankreich, Deutschland, Irland, Italien und Spanien teil. Verglichen wurden ältere Menschen (im Durchschnitt 72 Jahre alt), die von September 2025 bis Jänner 2026 - also maximal 4 Monate nach der Herbstimpfung - wegen eines akuten Atemweginfekts eine ärztliche Behandlung in Anspruch nahmen. Anders als in der oben vorgestellten Studie wurden hier somit nicht Daten aus elektronischen Gesundheitsaufzeichnungen gezogen. Dafür war die Zahl der Teilnehmer viel kleiner. 1921 Personen mit negativem COVID-Test standen 125 mit einer nachgewiesener COVID-Erkrankung gegenüber.

Erhoben wurde in dieser Studie die Wirksamkeit des Herbstboosters gegen eine symptomatische, ärztlich behandelte Infektion, wobei die Impfung hier maximal vor zwei Monaten erfolgt war. Bei einer recht großen statistischen Unschärfe aufgrund der geringen Zahl an Probanden wurde hier eine Wirksamkeit der Impfung von 59% erhoben.


Die Studien im Kontext

Die COVID-Impfungen waren der Gamechanger, den wir damals - 2021 - erhofft hatten. Nach der Grundimmunisierung eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung war die Pandemie zwar noch nicht vorbei und COVID-19 weiterhin eine gefährliche Krankheit, aber nicht mehr mit dem zu vergleichen, was wir in den ersten drei Wellen erlebt hatten. Der Schutz durch die Grundimmunisierung ist seit Omikron nicht mehr so durchschlagend wie bei den früheren Varianten, zudem nimmt der Schutz in den Monaten nach der Impfung ab. Doch der Schutz vor schweren Verläufen, wie sie in der Hochphase der Pandemie unsere Spitäler füllten, hält länger an.

Die aktuellen, in diesem Blogartikel vorgestellten Studien zeigen aber, dass die regelmäßigen Herbstimpfungen das relative Risiko von schweren Verläufen und von Komplikationen weiter reduzieren. Das fällt in absoluten Zahlen umso mehr ins Gewicht, je höher das individuelle Risiko ist. Entsprechend wird betagten und vorerkrankten Menschen die Impfung nach wie vor empfohlen.

Und die jüngeren, nicht vorerkrankten Personen?

Bei ihnen ist das Risiko eines schweren Verlaufs dank der Hintergrundimmunität mittlerweile sehr gering. Eine weitere relative Risikoreduktion wird deshalb kaum mehr ins Gewicht fallen. Wenn man „fast null“ um weitere 30% senkt, erhält man weiterhin fast null. Für jüngere, nicht vorerkrankte Personen gibt zwei wesentliche Gründe, warum man sich die Herbstimpfung auch 2026 noch überlegen kann:

  • Man will das Risiko senken, falls man selbst an COVID-19 erkrankt, eine andere, vulnerable Person anzustecken. Dieser Grund wird auch in den meisten offiziellen Impfempfehlungen angeführt.
  • Man will das Risiko senken, an Long Covid zu erkranken. Und da wird es tricky.

Wir wissen, dass die Impfung das Risiko einer Erkrankung an Long Covid senkt. Wir wissen, dass dies prinzipiell auch für die Herbstimpfung im Vergleich zur reinen Grundimmunisierung gilt. Wir wissen, dass dieser Schutz mit dem Abstand von der Impfung abnimmt. Eine Zusammenfassung der Evidenz gibt es hier:

Was? Sollen wir uns schon wieder impfen lassen?
Ja. Natürlich sollten wir uns impfen lassen. Weil die COVID-Impfungen schützen. Auch vor Long Covid.

Aber wir wissen nicht, wie sehr wiederholte Herbstimpfungen das Risiko für Long Covid senken. Senkte die Herbstimpfung 2024 oder 2025 das Risiko weiter, wenn man bereits zuvor die jährlichen Booster erhalten hat? Vermutlich, aber ich kenne keine belegbare Zahlen dazu. Falls jemand doch Zahlen dazu hat, würde mich das sehr interessieren.

Vorerst sind wir aber im Bereich Vermutung und der individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung. Wer das Risiko für Long Covid möglichst gering halten möchte, ist wahrscheinlich gut beraten, sich den Herbstbooster zu holen. Vor allem, wenn man die Impfung so wie der überwiegende Teil der Menschen bisher gut vertragen hat.