Erste Bilanz der Hitzewelle
Die Rekordhitze Ende Juni 2026 hatte merkbare gesundheitliche Folgen.
- Die Belastung für die Rettungsdienste und Spitäler erreichte für einige Tage ein Level, wie wir es zuvor nur zu den Spitzenzeiten der COVID-Pandemie gekannt hatten.
- Eine erste Hochrechnung schätzt eine Zahl von 20.000 zusätzlichen Todesfällen durch die Hitze.
- Just zu Beginn der Hitzewelle erschien eine Studie von Forschenden der MedUniWien gemeinsam mit der Wiener Berufsrettung, die die Auswirkungen früherer Hitzewellen auf die Zahl der Rettungseinsätze untersuchte.
- Der signifikanteste Faktor ist die unzureichende Abkühlung in der Nacht. Zwei Nächste mit mehr als 20,5°C führen zu 9% mehr Einsätzen.
- In der Nacht vom 28. auf den 29. Juni sank die Temperatur in der Wiener Innenstadt nicht unter 27,3°C.
Letztes Wochenende hatte ich einen Oberarztdienst mitten in der heftigsten Hitzewelle in einer langen Reihe von Extremwetterereignissen. Draußen wurde - erstmals in der Geschichte von Wien - die 40°C-Marke geknackt, in den Patientenzimmern war die Temperatur nicht viel niedriger. Auf die Notfallabteilung wurden Senioren gebracht, die mit einer Körpertemperatur von 40, in Einzelfällen sogar 41°C aus völlig überhitzten Wohnungen geborgen worden waren. Und nein, das lag nicht an einer Infektion.
Darüber, was sich im Spital auf den Bettenstationen abspielte, darf ich aus rechtlichen Gründen nicht berichten. Nur so viel: Geräte auf Intensivstationen haben Maximaltemperaturen für den Betrieb. Wird diese überschritten, alarmieren sie zuerst und schalten sich dann ab. Patienten und Personal haben diese Möglichkeit nicht.
Zwar nehmen Extremwetterereignisse an Häufigkeit und Intensität seit Jahren zu, vorbereitet sind wir auf Hitzewellen wie diese aber ganz offensichtlich nicht. In der gerade überstandenen Hitzewelle lag die Lufttemperatur im Tagesmittel in Österreich bis zu 9,8°C über dem langjährigen Durchschnitt von 1961 bis 1990, in manchen Gebieten über 11°C darüber. In den Hitzepolen im Ostösterreich wurden in mehreren Gemeinden die 40°C erreicht und übertroffen, so auch in der Zweimillionenstadt Wien.

Todesfälle in Europa durch die Hitzewelle im Juni 2026
Diese Temperaturen haben unmittelbare Folgen. Die Rettungsorganisationen und Notfallaufnahmen hatten so viele Einsätze wie sonst nur zu den Höhepunkten der COVID- oder Influenza-Wellen. Tatsächlich erinnerten auch manche Schlagzeilen an die frühe COVID-Pandemie. In Spanien wurden im Juni mehr als 1000 direkt auf die Hitze zurückzuführende Todesfälle registriert - mehr als doppelt so viele wie im Juni des Vorjahres. In Frankreich starben Ende Juni innerhalb weniger Tage rund 1000 Menschen mehr als normalerweise, wobei diese vorläufige Zahl aufgrund von Verzögerungen bei den Meldungen sicher noch nach oben korrigiert werden muss. Die Bestattungsunternehmen waren derart überlastet, dass Paris zusätzliche provisorische Kühlcontainer für Leichen aufstellte und Leichen aus der Stadt zu Bestattern im Umland verfrachtet wurden.

Diese Zahlen sind die von den Behörden erhobenen offiziellen Angaben. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Auch das kennen wir schon von der Pandemie.
Eine erste Hochrechnung zur Mortalität der Hitzewelle ist bereits wenige Tage nach deren Ende erschienen. Der US-amerikanische Umweltwissenschaftler Christopher W. Callahan publizierte eine kurze Arbeit als Preprint, in der er anhand von früheren Kalkulationen eine Zahl von über 20.000 Hitzetote in Europa vom 22. bis zum 28. Juni hochrechnete. Am meisten Todesfälle in absoluten Zahlen errechnete er für Frankreich (5.210), Deutschland (4.543), Spanien (3.163) und Italien (2.709).
Klimakatastrophenleugner dürfen sich jetzt mit der Frage beschäftigen, ob die Menschen an oder mit der Hitze gestorben sind. Nur die Wiener FPÖ wählte einen anderen Weg. Sie schafft den Spagat, gleichzeitig die vom Menschen verursachte Erderhitzung zu leugnen und der Stadt Wien Untätigkeit im Kampf gegen die Hitze vorzuwerfen, wie Nina Horaczek in ihrer Falter-Kolumne Blauland berichtet:

Auswirkungen von Hitzewellen auf die Zahl von Rettungseinsätzen in Wien
Just am 26. Juni, unmittelbar vor dem Höhepunkt der Hitzewelle, erschien im Fachjournal Scientific Reports des Nature-Verlags eine gemeinsame Studie von Forschenden der MedUniWien und der Wiener Berufsrettung zur Auswirkung von Hitzewellen auf Rettungseinsätze.

Anhand von fast 1 Million Rettungseinsätzen im Studienzeitraum 2018 bis 2021 wurde erhoben, dass die nächtliche Minimaltemperatur der ausschlaggebende Faktor für die Zunahme an Rettungseinsätzen ist. Eine Nacht ohne Abkühlung der Temperatur auf unter 20,5°C führt zu einem Anstieg der Zahl der Rettungseinsätze um 6,5%. Bleibt die Temperatur für zwei Nächte in Folge über 20,5°C, steigt die Zahl der Rettungseinsätze um rund 9%. Noch höhere Minimaltemperaturen und länger anhaltende Hitzewellen führten zu einem weiteren, wenn auch nicht mehr so steilen Anstieg der Rettungseinsätze. Vier Nächte mit einer Minimaltemperatur über 20,5°C führt zu einem Anstieg der Rettungseinsätze um 12,9%. Nach dem Ende einer Hitzewelle dauert es laut der Studie rund fünf Tage, bis die Zahl der Rettungseinsätze sich wieder normalisiert.
In der Studie gingen die Wiener Minimaltemperaturen bis zu 21,5°C (eine Nacht über 21,5°C führt zu 7,1% mehr Einsätzen, zwei Nächte zu 10,8%). Die höchste Minimaltemperatur in der gerade hinter uns liegenden Hitzewelle lag in der Wiener Innenstadt bei 27,3°C. Ich bin gespannt, ob wir Zahlen zu den Rettungseinsätzen Ende Juni 2026 bekommen werden.
Ein weiterer Faktor ist der Zeitpunkt einer Hitzewelle. Die ersten Hitzetage im Jahr sind am gefährlichsten im Vergleich zu welchen, die erst im August auftreten.
Am gefährdetsten sind Kinder und ältere Menschen, laut Statistik insbesondere in der Altersgruppe von 76 bis 85 Jahren. Frauen sind etwas stärker betroffen als Männer. Die häufigsten Einsatzgründe sind direkte Hitzefolgen wie Hitzschlag und Sonnenstich, gefolgt von akuten Atemproblemen bei Menschen mit chronischen Lungenkrankheiten sowie Kollaps und Ohnmacht. Auch Verletzungen, Stürze und Gewaltereignisse treten häufiger auf.
Die regionale Verteilung der Einsätze bestätigt, dass die Bevölkerung in den dicht bebauten Innenstadtbezirken und in den klassischen Arbeiterbezirken besonders gefährdet ist. Wer am Stadtrand, in Gegenden mit großen Parks oder entlang der Donau wohnt, kommt etwas besser davon. Es zeigt sich also auch bei den Rettungseinsätzen, dass Klima- und Hitzeschutz auch eine soziale Angelegenheit ist.

Die Studie im Kontext
Die Studie der Wiener Berufsrettung gemeinsam mit Forschenden der MedUniWien belegt mit Zahlen die Belastung des Gesundheitssystems durch Hitzewellen. Dabei wurden die Hitzewellen im Beobachtungszeitraum 2018 bis 2021 durch die soeben überstandene Extremhitze im Juni 2026 geradezu pulverisiert. Ohne Zahlen dazu bieten zu können, war der Eindruck im Spital doch, dass diese Welle zu einer noch nie durch eine Hitzewelle erlebten Zahl an Rettungsanfahrten in die Notfallaufnahme und an stationären Aufnahmen geführt hat.
Dabei sind es nicht so sehr die Spitzentemperaturen an sich, sondern die unzureichende nächtliche Abkühlung, die uns zu schaffen macht. Wenn der Körper sich in der Nacht kaum von der Hitzebelastung des Tages erholen kann, belastet das den Kreislauf. Dauert das mehrere Tage lang, summieren sich die körperlichen Folgen. Vor allem die vulnerablen Personen, Kinder, ältere und vorerkrankte Menschen spüren das buchstäblich am eigenen Leib. Auch das Konzentrationsvermögen sinkt mit höheren Temperaturen. Im Spital war es in den Tagen der größten Hitze evident, wie sehr wir - ärztliches und pflegerisches Personal - uns bemühen mussten, Fehler zu vermeiden, was logischerweise zu einer zusätzlichen Gefährdung der Vulnerablen führen kann.
Weil die Klimaerwärmung negiert oder zumindest kleingeredet wurde und wird, sind die Städte, der Wohnraum und insbesondere auch öffentliche Einrichtungen wie Schulen oder Spitäler nicht vorbereitet. Wir bekamen den Tipp, tagsüber die Fenster zu schließen und die Rollos herunterzulassen. Der Rest war Improvisation.
Weitere, noch schlimmere Hitzewellen werden folgen. Die öffentliche Infrastruktur muss dafür besser ausgerüstet werden. Weil der Schutz vor den Folgen der Klimaerwärmung viel mehr kostet als der Kampf gegen die Klimaerwärmung an sich, wird das teuer sein. Hätte man doch nur auf das gehört, was ich bereits in den 1980er Jahren in der Schule über den Treibhauseffekt und seine Folgen gelernt habe.


