Miserable Studie zu Übersterblichkeit und Impfung vom Verlag zurückgezogen
Impfgegner zitieren die vor 2 Jahren erschienene Studie gerne. Jetzt zog sie der Verlag wegen grober Mängel zurück.
- Die Studie wurde bereits kurz nach dem Erscheinen von zahlreichen Expert:innen auseinandergenommen und heftig kritisiert, u.a. auch von dem Wissenschaftler, dessen Daten sie verwendeten.
- Bereits publizierte Studien werden selten zurückgezogen. Das passiert nur nach eingehender Prüfung und schweren Fehlern und Mängeln. Kleinere Fehler genügen nicht.
- Währenddessen behaupten zwei Politiker:innen, Bulgarien wäre dank weniger Impfungen viel besser durch die Pandemie gekommen. Ihre Aussendung war dann selbst der FPÖ zu peinlich.
Für über zwei Jahren erschien im Verlag des angesehenen British Medical Journal eine richtig schlechte Studie. Sie lieferte scheinbar Hinweise dafür, dass die COVID-Impfungen maßgeblich hinter der Übersterblichkeit der Jahre nach dem Auftauchen von SARS-CoV-2 stecken würden. Diese Studie wurde und wird von Impfgegnern gerne ins Spiel gebracht, um vor der angeblichen Gefahr der Impfungen zu warnen. Nun wurde genau diese Studie vom Journal nach über zwei Jahren der Prüfung wieder zurückgezogen.
Bereits kurz nach dem Erscheinen wiesen zahlreiche andere Expert:innen auf die vielen Probleme und Fehler des Artikels hin. Unter anderem ging Ariel Karlinsky von der Hebrew University in Jerusalem an die Öffentlichkeit, wies auf die falsche Verwendung der Daten hin und schrieb auf Twitter/X:
"Die Verantwortung liegt hier bei „BMJ Public Health“, das einen wirklich schlechten Artikel mit einem irreführenden Titel veröffentlicht hat (der nichts mit OWID zu tun hat) und einen Teil unserer Arbeit in „WMD“ fast wörtlich und in irreführender Weise übernimmt. [...] Wie um alles in der Welt die Redakteure und Gutachter von @BMJPublicHealth solch eklatantes Kopieren und Einfügen zulassen konnten, ist mir ein Rätsel." (Im Original auf Englisch)
Das ausgerechnet Ariel Karlinsky das schrieb, ist bedeutend. Er ist jener Wissenschaftler, dessen öffentlich bereitgestellte Daten die Autor:innen für das Hauptstück des Papers verwendeten. Er kritisierte wie auch viele andere, die miserable Methodik von selektivem Copy&Paste und die hanebüchenen Schlussfolgerungen des Artikels. Ein wenig ausführlicher habe ich über die Studie und die Kritik daran in diesem Blogartikel geschrieben:

Nachdem das BMJ zunächst eine eher lauwarme „Expression of concern“ zu dem Artikel veröffentlichte, wurde es jetzt nach über zwei Jahren der eingehenden Prüfung endlich zurückgezogen. Ein schon publiziertes Paper zurückzuziehen ist keine alltägliche Sache. Das passiert nur, wenn gravierende Fehler auftauchen und die Arbeit als Gesamtes in eklatanter Weise den wissenschaftlichen Standards widerspricht.
Auch in der Retraction Notice des Journals BMJ Public Health muss man ziemlich viel zwischen den Zeilen lesen, um die Problematik der Arbeit zu erahnen. Am Ende bleibt über, dass die Autor:innen zwar keine Daten gefälscht oder erfunden haben, sie aber selektiv und irreführend verwendeten.
"Der Artikel wurde von der Zeitschrift zurückgezogen, da die Diskussion über die möglichen Ursachen der Übersterblichkeit falsche Angaben enthielt und die Einschränkungen der ursprünglichen Arbeit der Autoren nicht ausreichend beschrieben wurden."
Was da recht zahm klingt, war in Wirklichkeit so gravierend, dass sich das BMJ zur Zurückziehung gezwungen sah. Den Autor:innen wird keine absichtliche Täuschung unterstellt, außerdem hätten sie die Übersterblichkeit nicht explizit auf die Impfungen zurückgeführt. Aber das ist halt nur richtig, wenn man sich ausschließlich auf den Wortlaut bezieht und den Kontext außer Acht lässt, den die Autor:innen selbst lieferten, als sie unmittelbar nach der Publikation an die Medien gingen, um aufgrund ihrer „Erkenntnisse“ vor den Impfungen zu warnen.
Nun ist die Studie also zurückgezogen und sollte also eigentlich von niemandem mehr als Beweis für die Gefährlichkeit der Impfung verwendet werden. Viel besser als obskure Studien einschlägiger Impfkritiker sind sowie globale epidemiologische Studien geeignet, die beispielsweise die weltweiten Daten des Global Burden of Disease-Netzwerks verwendet. Sie zeigen eine klare Korrelation der Übersterblichkeit und der geringen Versorgung mit den Impfstoffen. Interessierte finden hier mehr dazu:

Das wird die organisierten Coronaleugner natürlich wenig interessieren. Auch wenn nur wenige so weit gehen die der FPÖ-Europaabgeordnete Gerald Hauer und die Psychologin und FPÖ-Nationalratsabgeordnete Katayun Pracher-Hilander, die es in einer bemerkenswerten Aussendung schafften, Berichte über Hitzetote des Sommer 2026 als „Ablenkungsmanöver der Regierungsparteien“ und der „Mainstream-Medien“ zur Vertuschung der „massiven Übersterblichkeit“ durch die Impfungen bezeichnen. Die Aussendung war zunächst auf der offiziellen Webseite der Partei zu sehen, war dann offenbar selbst der FPÖ peinlich genug, sie wieder runterzunehmen.
Gut dass aufmerksame Mitbürger sie in der Wayback Machine speicherten, sodass Leser:innen, die heute noch nicht genug zum Kopfschütteln gekommen sind, sie sich zu Gemüte führen können:

Und was ist mit dem Beispiel Bulgarien, das laut den beiden FPÖlern dank weniger Impfungen so gut ausgestiegen wäre? In der folgenden Grafik kann man die Übersterblichkeit von Bulgarien mit der von Österreich und Deutschland vergleichen:


